Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse ist in Deutschland jede zweite Person unzufrieden mit dem Gesundheitssystem. Zu lange Wartezeiten. Zu wenig Zeit im Arztgespräch. Fachkräftemangel. Finanzierungsprobleme. Schlechte Versorgung auf dem Land.
Und trotzdem sagen 86 %: Die notwendigen Leistungen wurden ihnen am Ende gewährt.
Das zeigt: Das System wackelt – aber es trägt noch. Für viele jedenfalls.
Für trans*, inter, nicht-binäre und agender Personen – kurz: TINA* – sieht die Realität oft ganz anders aus. Und zwar nicht nur ein bisschen schlechter, sondern strukturell diskriminierend.
Medizinisches Personal ist häufig nicht ausreichend geschult. Manche lehnen Behandlungen sogar ab. Falsche Pronomen werden benutzt. Spezifische Behandlungsangebote sind bei Ärzt*innen nicht transparent auffindbar, sondern werden über Community-Tipps weitergegeben wie geheime Insider-Infos.
Gesundheitsversorgung darf kein Flüsterwissen sein!
Dazu kommt ein massives rechtliches Problem:
Mit dem Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) wurde die rechtliche Anerkennung von TINA*-Personen verbessert, aber die Abrechnungslogik der gesetzlichen Krankenkassen wurde nicht angepasst.
Die Kassen richten sich weiterhin nach dem Sozialgesetzbuch V. Und das bedeutet:
TINA*-Personen müssen für medizinische Behandlungen nach wie vor einen „psychischen Leidensdruck“ durch aufwändige Gutachten nachweisen.
Sie werden faktisch gezwungen, sich als psychisch krank zu deklarieren, um überhaupt einen Anspruch auf Versorgung zu haben.
Das ist entwürdigend. Und medizinisch überholt.
Und selbst wenn ein Anspruch anerkannt wird, übernehmen Krankenkassen nicht alle notwendigen Behandlungen. Epilation, Stimmtherapie oder Hormontherapien für nicht-binäre Personen? Oft Eigenleistung. Teuer. Belastend. Ungerecht.
Dabei sehen wir längst: Eine bessere Versorgung ist möglich.
Der Bundesverband Trans* leistet wichtige Arbeit im Gesundheitsbereich. Projekte wie TRANSKIDS-CARE am Uniklinikum Münster verbessern die Versorgung von trans* Kindern. In Jena wird mit Together4Trans eine Leitlinie entwickelt, die explizit nicht-binäre Personen mitdenkt. Und i²TransHealth in Hamburg stärkt die Versorgung im ländlichen Raum durch Online-Beratungen.
Das sind progressive, wissenschaftsbasierte, zukunftsorientierte Ansätze.
Was es braucht, ist flächendeckende Umsetzung:
sensibilisiertes Personal, klare Leitlinien, sichere Finanzierung.
Und ja, das Geld ist eine Frage politischer Prioritäten.
Eine solidarische Umverteilung könnte die gesetzliche Krankenversicherung stabilisieren: Höhere Steuerzuschüsse aus Abgaben auf Zucker, Alkohol und Tabak.
Eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Medikamente von 19 % auf 7 % – bei gleichzeitiger Preisregulierung durch Pharmaunternehmen.Und eine gerechtere Staffelung der Sozialversicherungsbeiträge, sodass auch sehr hohe Einkommen stärker beteiligt werden.
Das stärkt nicht nur die Versorgung von TINA*-Personen.Das stärkt das System für alle.
Gesundheit ist kein Luxus.
Und eine diskriminierungsfreie Versorgung ist kein „Nice-to-have“, sondern ein Grundrecht.
Und ganz ehrlich: Eine Zahnarztbehandlung sollte da auch noch drin sein.