Seminar „Geschichte und Gegenwart“

Was Aufarbeitung der Vergangenheit? Leserunde und Workshop mit Till Schmidt

Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?“, „Erziehung nach Auschwitz“, „Erziehung zur Mündigkeit“ – mit diesen drei Texten des Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno, die der Hessische Rundfunk zwischen 1959 und 1969 als Vorträge bzw. Gespräch sendete, werden wir uns im Workshop beschäftigen. Zunächst werden wir herausfinden, worum es Adorno geht. Hierzu lesen wir gemeinsam Textausschnitte und erarbeiten uns seinen Blick auf den Gegenstand sowie seine zentralen Argumente und Denkfiguren, gelegentlich unterstützt von kurzen Inputs des Referenten zur Erleichterung des Textverständnisses. Darauf aufbauend werden wir im zweiten Teil des Workshops diskutieren, inwieweit sich das von Adorno Gesagte auf die heutige Zeit übertragen lässt. Was ist daran aktuell, wenn er zum Beispiel fordert, dass sich Erziehung zentral an der Mündigkeit der Individuen und der Verhinderung einer Wiederholung von Auschwitz auszurichten hat? Im letzten Teil wird es schließlich um praktische Konsequenzen aus dem zuvor Erabreiteten gehen. Was können Mitglieder der Grünen Jugend und andere Engagierte aus den drei Texten Adornos für ihre eigene politische Arbeit lernen?

Till Schmidt studierte Kultur- und Politikwissenschaften in München und Bremen. Als Publizist veröffentlicht er regelmäßig in der Jungle World und in der iz3w, u.a. zu Erinnerungskultur und -politik in Deutschland und anderswo.

Nationales Vergangenheitsrecycling – Die postnazistische Allianz der Generationen im deutschen Kollektiv mit Sonja Witte

Neben die fortwährende Stilisierung der Deutschen als Opfer tritt seit den 90ern die Integration von Auschwitz in die kulturindustrielle deutsche Erinnerungsarbeit als gesellschaftlichem ,Kitt‘, in der die Nation zum kollektiven Objekt der Identifizierung wird. Ausgehend von verschiedenen kulturindustriellen Produktionen aus den 00er Jahren (insbesondere dem Film „Das Wunder von Bern“) werden wir uns in diesem Workshop damit auseinandersetzen, inwiefern die Idee einer intergenerativen Versöhnung als nationaler Kitt der Ideologie einer ‚aufgearbeiteten deutschen Vergangenheit‘ fungieren kann. Dieserart Wunschtraum einer kollektiven Überwindung der deutschen Vergangenheit wird auch aus psychoanalytischer Perspektive analysiert.

Sonja Witte lebt in Berlin und ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im MA Studiengang Psychoanalytische Kulturwissenschaften der International Psychoanalytic University Berlin (IPU). Sie arbeitet zu: Kritischer Theorie des Unbewussten in der Kulturindustrie; dem Verhältnis von Sexualität, Unbewusstem und Gesellschaft; postnazistischer Kultur(-industrie) und Phänomenen aktueller Konsumpraktiken. Sie ist u. a. aktiv in der Redaktion „Extrablatt – Aus Gründen gegen fast Alles“ und der Gruppe „les madeleines“.