Wir bleiben dabei: Patriotismus? Nein Danke!

Ja, wir sind keine Patriot_innen. Uns sind andere Dinge einfach wichtiger als Deutschland: Individuelle Freiheiten, soziale Rechte oder die Frage, ob auch die nachfolgenden Generationen noch auf diesem Planeten leben können.

Überarbeitete Version eines Textes des GRÜNE JUGEND Bundesverbands aus dem Jahr 2012.

Es ist wieder soweit: die Fußball-Europameisterschaft der Männer beginnt und mit ihr der schwarz-rot-goldene kollektive Schland-Jubel. Gärten, Häuserfronten, Autos, Gesichter und Körper werden mit schwarz-rot-goldenen Fanartikeln geschmückt. Fan-Meilen verwandeln sich in schwarz-rot-goldene Fahnenmeere. Viele Politiker_innen begrüßen dies als unverkrampften, harmlosen und weltoffenen Patriotismus. Wir nicht.

Die kollektive Begeisterung für „Deutschland“ bei Fußballevents bezieht sich nämlich nicht nur auf das Fußballteam, sondern auch auf die Nation. Motive der Fans sind den Studien der Sozialwissenschaftlerin Dagmar Schediwy zufolge eben sehr häufig auch Vaterlandsliebe und Nationalstolz. Mit der Unterstützung der deutschen Nationalelf wird auch nationale Zugehörigkeit demonstriert. Ist ja auch kein Zufall, dass sich hierzulande mit wenigen Ausnahmen fast alle für die deutsche Nationalmannschaft fiebern. Es geht eben um mehr als um Spiel und Spaß. Und genau hier liegt das Problem.

Klar, nicht alle, die die deutsche Nationalelf unterstützen, sind Nationalist_innen oder Rechte.
Aber Länderspiele verstärken die Abgrenzung zwischen national definierten Gruppen. Im Kampf gegen eine Fremdgruppe wird die Eigengruppe zusammengeschweißt. Persönliche Ängste, Sorgen und Zweifel können im nationalen Freudentaumel versenkt werden. Der_die Einzelne geht in der nationalen Masse auf und fühlt sich als Teil der Gruppe stark. Ein gutes Gefühl für viele – nur eben auf Kosten derer, die nicht dazu gehören.

Denn es geht bei Patriotismus um mehr als um Fähnchen und Fußball. Patriotismus ist immer wieder ein Argument in den alltäglichen Auseinandersetzungen der Politik: Wenn es um den Kampf um Arbeitsplätze geht, um das Asylrecht, um Feminismus, um Umweltschutz, dann steht in konservativen Argumenten oft genug der Zusammenhalt und Zukunft der „Deutschen“ oder die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gegen Dinge, die uns viel wichtiger sind.
Der Party-Patriotismus rund um den Fußball lässt sich davon nicht trennen. Er lässt sich auch nicht trennen von der alten Zwangsgemeinschaft Nation. Die Trennung zwischen guten Patriot_innen und bescheuerten Nationalist_innen gibt es nicht; der positive Bezug zum eigenen „Vaterland“ bedeutet immer auch die Abwertung von Anderen, weil sie zum Beispiel Migrant_innen sind oder homosexuell. Das widerspricht zwar den gefühlten Erlebnissen und erst recht den Wünschen der meisten Beteiligten, lässt sich aber empirisch nachweisen: Der Bielefelder Soziologe Heitmeyer hat vor und nach der WM in Deutschland im Jahre 2006 Menschen befragt und festgestellt, dass Nationalismus und Rassismus während der WM angestiegen waren.

Diese Verbindung ist nichts neues. Schon im 19. Jahrhundert war der deutsche Nationalismus kriegerisch, antisemitisch und sexistisch. Von Turnvater Jahn, 1848 Abgeordneter in der Paulskirche, nach dem in jeder deutschen Stadt die Straße neben der Turnhalle benannt ist, ist überliefert, dass er gesagt hat: “Franzosen, Polen, Junker, Pfaffen und Juden sind Deutschlands Unglück.” – Einen Satz, in dem für die heutigen Leser_innen klar schon Verdun und Auschwitz mitschwingen. Die beiden Weltkriege, der Nationalsozialismus, die Shoah und die Kontinuitäten zwischen NS-Regime und BRD sind so gesehen keine Ausnahme, sondern ein Teil des Ganzen. Gerade angesichts des aktuellen Erstarkens völkischer, rassistischer und nationalistischer Bewegungen, halten wir es für sehr wichtig, auf die Gefahren nationaler Gemeinschaftsgefühle hinzuweisen.

Unser Anti-Patriotismus besteht in vollem Bewusstsein der Geschichte der Schwarz-Rot-Goldenen Flagge. Uns ist dabei auch bewusst, dass sie im Dritten Reich verboten war. Wir verweigern uns dieser nationalen Symbolik, weil wir jeglichen Nationalismus überwinden wollen.  Die Nation ist eine Zwangsgemeinschaft, in die man hineingeboren wird. Niemand sucht sie sich freiwillig aus. Wir wollen die Unterordnung der Individuen unter Kollektive wie Nationen überwinden.

Wenn wir das Zusammengehörigkeitsgefühl der Eigengruppe stören und die nationale Gemeinschaft in Frage stellen, ernten wir viel Hass und Aggressionen. Wir werden am Telefon beschimpft und bedroht und in eMails aufgefordert, das Land zu verlassen. Alle Jahre wieder fühlen wir uns durch die Reaktionen darauf, dass wir einfach keine Patriot_innen sein wollen, ein wenig bestätigt in der Ansicht, dass Patriotismus nicht richtig ist.
Alle Jahre wieder wirft man uns vor, den Menschen den Spaß am Fußball zu nehmen. Wenn jemand sich den Spaß durch unseren Aufkleber „Patriotismus? Nein Danke!“ nehmen lässt, wird es schon einen sehr guten Grund geben, denn dann schwingt mit den vermeintlich unverkrampften Fahnenschwenken noch etwas ganz anderes mit.