Vom Bienchen und Blümchen

Beschlossen auf dem 49. Bundeskongress im Herbst 2017 in Dortmund

Biodiversität bedeutet die Vielfalt des Lebens, also die Vielfalt der Ökosysteme, die Vielfalt der Arten und die Vielfalt der Gene. Der Verlust der Artenvielfalt ist weltweit eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit. Wissenschaftler*innen betrachten die Entwicklung mit größter Sorge und sprechen von einem 6. Massensterben der Arten.

In Umfragen gaben über 80% der Deutschen an, sich über einen zu sorglosen Umgang mit der Natur und ihrer Vielfalt zu ärgern. Warum also ist es bis heute nicht einmal auf nationaler Ebene gelungen, das Artensterben aufzuhalten?

Zwar wird oft vom Artensterben in den tropischen Regenwäldern gesprochen, doch auch bei uns in Deutschland lassen sich die Auswirkungen schon beobachten, ein Drittel aller Arten ist im Bestand gefährdet. Ein besonders aktuelles Beispiel ist das Insektensterben. In manchen Regionen wurde ein Rückgang der Masse von Insekten von bis zu 80% festgestellt. Damit ist auch ein Rückgang der Artenvielfalt verbunden. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Ein Beispiel ist der Einsatz von nervenschädlichen Pflanzenschutzmitteln wie Neonicotinoiden, die Bienenlarven angreifen und den Bienenbestand so kontinuierlich schrumpfen lassen. Genauso lässt sich auch die Industrialisierung der Landwirtschaft, insbesondere die Beseitigung von beispielsweise Grünstreifen und Hecken an Rändern von Äckern als eine Ursache sehen.

Die Artenvielfalt ist nicht nur wichtig für die Funktion eines Ökosystems, sondern auch wir Menschen profitieren von ihr auf ganz unterschiedliche Weise. Die Ökosysteme der Erde übernehmen wichtige Regelungsfunktionen für den Menschen, wie die natürliche Reinigung von Wasser und Luft. Bienen übernehmen für uns die Bestäubung von Pflanzen, die für uns überlebenswichtig ist, da wir sonst keinen Pflanzenbau betreiben könnten. Auch die Produktion von Ressourcen, die wir der Natur entnehmen, kann langfristig nur bestehen, wenn diese erhalten wird. Diese Funktionen, die die Natur quasi „kostenlos“ für uns übernimmt, werden Ökosystemdienstleistungen genannt. Je höher die Biodiversität, desto widerstandsfähiger sind Ökosysteme. Auch deshalb ist es wichtig, die Artenvielfalt und damit die Ökosystemdienstleistungen zu erhalten. Gerade in Zeiten des Klimawandels und sich damit relativ schnell ändernder Umweltbedingungen kommt diesem damit eine besondere Rolle zu. Zudem ist jede Art ein einmaliger Speicher von genetischen Informationen, welche uns als Grundlage für z.B. Medikamente dienen können.

Auch wenn der Begriff der Ökosystemdienstleistungen gut ist, um direkte Vorteile für den Menschen sichtbar zu machen, wird dies häufiger mit einem ökonomischen Wert verbunden. Die GRÜNE JUGEND stellt sich klar gegen diese Bepreisung der Natur. Ökosysteme sind aber komplex und unterliegen Schwankungen. Außerdem stellt sich die Frage, wer die ökonomische Bewertung durchführt und welche Interessen dort eine Rolle spielen. Eine Bepreisung ist auch häufig mit Kompensationsmaßnahmen verbunden. Wird auf der einen Seite zerstört, wird woanders ein System aufgebaut. Ökosysteme sind aber standortgebunden und einzigartig und dadurch auch nicht ersetzbar. Die GRÜNE JUGEND stellt sich klar gegen diese zunehmende Praktik und setzt sich weiter für den Schutz von Ökosystemen und für den Kampf gegen die großen Ursachen ein.

Die fünf größten Ursachen des Artensterbens stellen aktuell die Übernutzung von Ressourcen (z.B. Abholzung, Fischerei), aktuelle Praxis in der Landwirtschaft (Flurbereinigung, Überdüngung, Einsatz von Pflanzenschutzmitteln) und der Klimawandel dar. Diese Haupttreiber der Zerstörung müssen geregelt werden. Dazu ist es auch nötig, dem Naturschutz Vorrang vor ökonomischen Interessen zu geben. Die GRÜNE JUGEND setzt sich dafür ein.

Um die Biodiversität in Deutschland nicht noch weiter zu verringern, setzt sich die GRÜNE JUGEND für folgende Punkte ein:

  1. Etablierung von mehr Schutzräumen. Es muss mehr Lebensräume geben, aus denen sich der Mensch zurückzieht, gemäß dem Motto der Nationalparke „Natur Natur sein lassen“. Das ist zum Beispiel notwendig, da viele Arten im Wald abhängig von Totholz sind. Diese Bedingung kann nur in Waldwildnis-Gebieten erfüllt werden, da im forstwirtschaftlich genutzten Wald kaum Totholz zurückgelassen wird. Der Anteil von Waldwildnis-Gebieten an den Wäldern in Deutschland beträgt jedoch im Moment nur 2%. Wir fordern deshalb endlich die Umsetzung von mindestens 5% Waldwildnis in Deutschland – das entspricht den eigenen Zielen der Bundesregierung als auch denen des „Übereinkommens über die biologische Vielfalt“ der Vereinten Nationen.
  2. Verstärkung der Kompetenzen zum Erhalt von Lebensräumen. Auch Ökosysteme, welche nicht speziell geschützt sind, sind wichtig. Aktuell werden aber etwa 70 Hektar pro Tag an Boden in ihrer Nutzung umgewidmet und versiegelt. Auch durch die massenhafte Nutzung von Nachtbeleuchtungen, beispielsweise an alten Bauwerken, welchen nachtaktive Tiere in ihrem Lebensrhythmus gestört und verlieren ihren „Lebensraum Nacht“. Um Schutzmaßnahmen dafür aber umsetzen zu können, müssen die Behörden entsprechende Kompetenzen bekommen.
  3. Biodiversitätspolitik ist auch Landnutzungspolitik. Die meisten Landnutzungsentscheidungen werden aber nicht in den Umweltministerien getroffen, sondern beispielsweise in denen für Verkehr, Bauen und Wirtschaft. Für einen echten Naturschutz müssen sich diese Kompetenzen verschieben.
  4. Die GRÜNE JUGEND unterstützt die Naturschutz-Offensive 2020 des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit als nationale Agenda zur Convention on Biological Diversity. Nun muss diese auch konsequent umgesetzt werden.
  5. Bessere finanzielle Ausstattung der Behörden. Es gibt viele gute naturschutzrechtliche Bestimmungen, welche aber nicht umgesetzt werden können, da die Naturschutzbehörden personell und finanziell nicht dazu in der Lage sind. Auch Kontrolle vor Ort muss finanziell endlich wieder möglich sein.
  6. Unternehmen, die bewusst Rücksicht auf die Erhaltung der Ökosysteme (nicht nur in Deutschland) nehmen, müssen stärker gefördert werden. Verantwortungsvolles Handeln darf kein wirtschaftlicher Nachteil sein.
  7. Begrenzung des Nährstoffeintrags. Nährstoffarme Ökosysteme zeigen eine besonders hohe Vielfalt der Arten. Die in der Landwirtschaft eingetragenen Nährstoffe bleiben aber nicht nur auf dem Acker, sondern verteilen sich in der Umwelt und zerstören so diese Ökosysteme. Dies zeigt sich beispielsweise an den eutrophierten (nährstoffangereicherten) Gewässern, welche dadurch sauerstoffarm sind und nur noch Lebensraum für wenige Tiere und Pflanzen bieten.
  8. Wir wollen Feuchtgebiete zu erhalten und die Trockenlegung von Mooren stoppen.
  9. Verbot von Neonicotinoiden, um den Bestand von Bienen und anderen Insekten nicht weiter zu gefährden. Es gibt ökologische Alternativen, um Ernteausfälle durch Schädlinge vorzubeugen.
  10. Niedrigere Fischfangquoten und Begrenzung der möglichen Fischfangmethoden sowie Überwachung der Quoten. Weltweit und auch in Deutschland sind viele Fischarten vom Aussterben bedroht. Wenn wir jetzt nicht handeln, droht das größte Ökosystem der Welt zusammenzubrechen.

Darüber hinaus zeigt sich am Beispiel der Zugvögel, dass sich Arten nicht an die Begrenzungen von geschützten Biotopen oder nationalstaatlichen Grenzen halten. Überstaatliche Regelungen wie die Konvention über Biodiversität von 1992 sind nicht bindend und verfügen über keinen Sanktionsmechanismus. Die GRÜNE JUGEND setzt sich für eine verbesserte internationale Zusammenarbeit beim Schutz von Arten sein, welche auf verbindlichen Regelungen basiert.

Wenn wir das Artensterben nicht innerhalb der nächsten Generation begrenzen, steht das Überleben unserer eigenen Art auf dem Spiel. Packen wir‘s an!