Solidarität mit den Pflegenden – Gute Pflege für alle sichern

Beschluss vom 48. Bundeskongress im April 2017

„Im Laufe ihres Lebens sind Menschen in den unterschiedlichsten Situationen immer wieder auf Pflege angewiesen. Gerade im Bereich der Pflege haben sich die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen in den vergangenen Jahren immer weiter verschärft, was zum einen auf Kosten der Sorgearbeitenden, der sogenannten Care-Arbeitenden, zum anderen aber auch Kosten der Menschen geht, die auf Pflege angewiesen sind. Einem immer eklatanter werdenden Fachkräftemangel steht, auch aufgrund des demographischen Wandels, eine stetig wachsende Zahl Pflegebedürftiger gegenüber. Um diese problematische Situation zu verbessern, müssen Lösungsansätze geschaffen werden, die den Fachkräftemangel entschärfen und die Situation in Pflegeeinrichtungen verbessern. Deshalb drängen wir unter anderem darauf, dass in Zusammenarbeit mit den Interessenvertretungen der Pflege verbindliche Standards vereinbart werden.
Um die Pflege nachhaltig zu verändern, geht es jedoch nicht nur darum, die bestehenden Verhältnisse zu verbessern, sondern auch darum, Visionen für eine zukunftsfähige Pflege zu schaffen.“

Verbindliche Pflegeschlüssel – Für eine gute Pflege für Alle.

Wir setzen uns für einen menschenwürdigen Pflegeschlüssel, also ein festgelegtes zahlenmäßiges Verhältnis von Pflegefachkräften zu Patienten ein, denn die derzeitige Situation gefährdet Pflegende und Patient*innen. Bei der Intensivpflege sollte das Verhältnis ein*e Pflegende für 2 Patient*innen nicht überschritten werden, auf anderen Stationen kann der Schlüssel je nach individuellem Pflegebedarf der Patient*innen variieren, sollte jedoch einen Mindeststandard von 1 zu 10 nicht überschreiten. Auch im Nachtdienst muss die Versorgung sichergestellt werden, hier sollte keine Pflegefachkraft alleine arbeiten müssen. Der pflegerische Aufwand bei der Betreuung von Patienten wird durch das aktuelle Abrechnungsverfahren mittels DRGs häufig nicht richtig abgebildet, pflegerische Maßnahmen sollten (z.B. über NRGs) gesondert abgerechnet werden können. Auch in Einrichtungen wie Pflege- und Altenheimen müssen verbindliche Schlüssel gefunden werden und insbesondere die Nachtdienste personell aufgestockt werden.

Des Weiteren setzen wir uns für eine gesellschaftliche Aufwertung von Care-Berufen ein, die nicht allein mit einem höheren Gehalt gegeben ist. Natürlich müssen auch angemessene Löhne gezahlt werden, allerdings braucht es vor allem mehr qualifiziertes Personal, um die Pflegenden zu entlasten. Tägliche Überstunden, das Nichteinhalten der gesetzlichen Ruhezeiten und Vertretungsdienste an freien Tagen dürfen nicht länger die Regel sein! Auch die private und gesundheitliche Belastung durch Schichtdienst und die hierdurch bedingte mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf hindert viele ausgebildete Pflegekräfte an der Ausübung ihres Berufes; Arbeitgeber sollten daher flexiblere Schichtmodelle und auf die Arbeitszeiten in der Pflege angepasste Kinderbetreuungsmöglichkeiten anbieten.

Eine gute Ausbildung führt zu mehr Sicherheit für Alle!

Den Praxisanleiter*innen und den Pflegenden muss genug Zeit bleiben, Schüler*innen fachgemäß anzuleiten. Ein*e Schüler*in ist keine billigere Arbeitskraft, sondern befindet sich in einem Ausbildungsverhältnis und sollte auch dementsprechend in der Personalplanung nicht als Arbeitskraft behandelt werden. Auch Praxisanleiter*innen sollten für die Anleitung von Schülern vom Stationsbetrieb freigestellt werden.

Die Chancen, die sich durch die Generalisierung der Ausbildung in den Pflegeberufen ergeben, müssen genutzt werden. Diese qualifiziert die Auszubildenden für alle Fachbereiche in ihrem späteren Berufsleben und kann so die Attraktivität des Berufes steigern und dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Die Zusammenlegung der Ausbildungszweige muss – mit Hilfe von Expert*innen aus Pflege und Pflegepädagogik- gut geplant werden, der Erhalt von spezifischem Fachwissen aus allen drei Bereichen muss gesichert werden. Die Bedenken der einzelnen Berufsgruppen sollten ernst genommen werden, gleichzeitig führt kein Weg an der generalistischen Ausbildung vorbei. Die Tätigkeitsfelder der bisherigen getrennten Berufsgruppen weißen große Schnittmengen auf – sei es die Nachsorge von Patient*innen, die aus dem Krankenhaus in Pflegeeinrichtungen entlassen werden oder die stationäre Aufnahme von bereits pflegerisch betreuten alten Menschen in der Klinik – eine generalistische Ausbildung befähigt die Pflegeleistenden, den Bedürfnissen der Patient*innen gerecht zu werden. Letztlich haben alle drei Pflegeberufe ein ähnliches Anforderungsprofil – die Arbeit mit (multi-) morbiden Menschen. Die Spezialisierung auf eine bestimmte Altersgruppe kann je nach Neigung auch in der generalisierten Ausbildung am späteren Einsatzort erfolgen, ohne von vornherein Pfadabhängigkeiten zu schaffen. Die Mobilität in den bisher getrennten Bereichen führt zu positivem Verbesserungsdruck auf der Seite der Einrichtungen.

Nicht jede*r kann professionelle Pflegearbeit leisten!

Die Pflege ist eine Profession und keine Berufung. Wir setzen uns dafür ein, den seit den 80er Jahren überkommenen Begriff der Krankenschwester endlich in die Mottenkiste zu legen, in die er gehört. Examinierte Gesundheits- und Krankenpfleger*innen und zukünftig Pflegefachfrauen* und -männer sind eine selbstbewusste Berufsgruppe, die extrem anspruchsvolle Arbeit leisten und dementsprechend behandelt werden müssen.

Die derzeitige Praxis, Menschen aus anderen Berufsgruppen oder der Langzeitarbeitslosigkeit per Schnellkurs zu Pflegehelfer*innen oder Altenpflegehelfer*innen umzuschulen, muss unbedingt kritisch evaluiert werden. Dieses berufliche Sackgasse wird weder den Bedürfnissen der zu Pflegenden gerecht noch denjenigen, die dort eingesetzt werden. In Zusammenhang der Professionalisierung der Pflege befürworten wir eine weiter qualitativ hochwertige Ausbildung, Weiterbildung und teilweise eine Akademisierung der Pflegeberufe und setzen uns dafür ein, dass nicht nur mehr Studienplätze, sondern auch adäquate Stellen geschaffen werden.

Selbstorganisation

Um die Forderungen der Pflegenden besser wahrnehmbar zu machen, unterstützen wir deren Selbstorganisation in einer Pflegekammer, damit die Pflege eine eigene starke Stimme bekommt. Diese Pflegevertretung muss auf Augenhöhe mit den
Krankenkassen, den Interessenvertretungen der Arbeitgeberseite sowie den
Vertretungen der anderen medizinischen Berufe verhandeln können. Der aktuell
fortschreitende Aufbau von Pflegekammern auf Landes- und Bundesebene soll politisch begleitet werden, besonders wichtig ist uns hierbei, dass die Kammern eine demokratische und arbeitnehmer*innennahe Mitbestimmung der Pflegenden sicherstellt. Das Kammerprinzip insgesamt möchten wir kritisch evaluieren, solange es jedoch im Gesundheitsbereich verschiedene Kammern gibt, sollen Pflegende ebenso die Möglichkeit einer Organisation in einer Kammer haben.