Projektion der Schuld

Nicht jede Kritik an der kapitalistischen Verwertungslogik ist emanzipatorisch. Zur Unterscheidung wird reaktionäre Kritik durch den Terminus „regressiver Antikapitalismus“ gekennzeichnet. In der Linken wurde und wird auch heute noch diese Differenz übersehen und oft nicht thematisiert. Es fehlt die Einsicht, dass auch der Nationalsozialismus antikapitalistisch war, genauso werden die Unterschiede zwischen rückschrittlicher Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und Kritik, die auf den Errungenschaften der Aufklärung und der bürgerlichen Demokratie aufbaut, ignoriert. Im Kampf gegen Individualismus, Selbstbestimmung, westliche Dekadenz und das Finanzkapital wird übersehen, wie sehr sich Argumentationsmuster mit denen von Neonazis oder Islamist_innen gleichen.

Kapitalismus ist eine Herrschaft von apersonalen, abstrakten Zwängen. In der verkürzten Logik des regressiven Antikapitalismus wird hingegen Gruppen oder einzelnen Akteur_innen die Schuld an den Problemen der Gesellschaft zugewiesen. Das Finanzkapital ist zentrales Element dieser Kritik. Im Nationalsozialismus wurde zwischen „raffendem Kapital“ und „schaffendem Kapital“ unterschieden. Während das selbstlose „schaffende Kapital“ dem angeblichen Erhalt von Volk und Vaterland diente, wurden dem „raffenden Kapital“ Zersetzung und egoistische Motive vorgeworfen. Hierbei wurden insbesondere Jüdinnen und Juden dem „raffenden Kapital“ zugeordnet. Hier zeigt sich die Nähe zum offenen Antisemitismus. Nicht jede Kritik an Banken oder Börsen ist antisemitisch, aber gerade durch die Personalisierung der kapitalistischen Zwänge, wie zum Beispiel bei der Hetze gegen „Heuschrecken“, läuft sie Gefahr, antisemitisch zu werden bzw. sich Elemente des Antisemitismus‘ zu eigen zu machen. Hierzu müssen nicht immer die Akteur_innen namentlich benannt werden, wie z. B. Alan Greenspan, der als (Haupt-)Verursacher der aktuellen Wirtschaftskrise oft stigmatisiert wird. Oft reicht schon die Fantasierung einer Gruppe, z. B. der Spekulant_innen, um zu implizieren, dass jene das Wohl der Welt in ihren Händen hielten. Gerade bei diesem Beispiel wird oft vergessen, dass jede juristische oder private Person, die handelt – nicht nur am Aktienmarkt – ein_e Spekulant_in ist. Die prozentual größten Gruppen sind hierbei die Pensionsfonds, die auch in Deutschland, dank Einführung der Riesterrente, also einer Rentenversicherung per Kapitaldeckung, in der jeder Mensch sein Geld für seine eigene Rente anlegen muss, stark an Größe zugenommen haben. Ein_e jede_r spekuliert auf den Gewinn ihres_seines Rentenfonds und ist somit Teil des kapitalistischen Kreislaufs.

Als Gegenpol zu diesen abstrakten Akteur_innen wird sich auf schaffende und bodenständige Werte zurückbesannt. Der Wert der Arbeit wird über deren eigentliche Funktion hinaus, nämlich der Entlohnung, als Selbstzweck stilisiert. Dadurch und durch die Abgrenzung zu den Spekulierenden, die keinen gesellschaftlichen Wert erschaffen würden, kann ein Wir-Gefühl entstehen. Somit identifizieren sich die Menschen mit ihrer Arbeit, statt mit ihren individuellen Unterschieden und Vorzügen. Eine solche Kritik, die versucht, einen „gesunden Kapitalismus“ zu erschaffen und die grundsätzlichen Probleme übersieht, kann diesen auch nicht emanzipatorisch überwinden.

Gernot Gellwitz, BAK Shalom der Linksjugend.