Home is where your heart is

Warum wir keinen Heimatbegriff in der Politik brauchen

Im Lauf ihres Lebens kommen Menschen an manchen Orten dem Gefühl, ‚“zu Hause sein‚“, näher als anderswo oder erreichen es irgendwann an gewohnter Stelle gar nicht mehr. Das ist Bestandteil persönlicher Veränderungen und einer sich wandelnden Umgebung und führt zur Erkenntnis: ‚“Home is where you’re heart is.‚“ Brauchen wir in Anbetracht solch individueller Formbarkeit einen statischen Begriff wie ‚“Heimat‚“ in der Politik? Ich denke: Nein.

‚“Heimat‚“ ist eine Wertmarke, mit der zumeist konservative Weltanschauungen unterfüttert werden. Wer den Begriff benutzt, zieht einen engen Zirkel um einen idealisierten Status Quo und versucht, diesen um jeden Preis zu bewahren. Solidarität befindet sich zwar immer im Schlepptau, doch nur jene Glücklichen, die von der Heimat-Definition mit eingeschlossen werden, können sich ihrer erfreuen. Und das auch nur in dem Maße, wie es das einmal und für ewig festgezurrte Rollengefüge zulässt. Schwacher Trost besteht in der Möglichkeit, durch Konformität im Sinne selbsternannter ‚“Heimatkompetenzler_innen‚“ doch noch akzeptiert zu werden.

Den Heimatbegriff ins politische Feld zu führen, endet in der Sackgasse eines exklusiven Gesellschaftsverstädnis und ist ein Klotz am Bein emanzipatorischer Politik. Er definiert räumliche, soziale und kulturelle Grenzen und kanalisiert damit das unartikulierte Sehnen nach einem stabilen Halt ins ängstliche Klammern ans Altbekannte.

Zudem ist der hochemotionalisierte Ausdruck vorbelastet, da er immer wieder missbraucht wurde: Für Kriege im Namen der Heimat und des Vaterlandes zur Blütezeit des Nationalismus, sowie für krude Blut-und Bodentheorien im Dritten Reich, mit denen schon Kinder auf unbedingte Liebe zum ‚“eigenen‚“ Volk und Territorium getrimmt wurden. Zwar kommt Heimat heute meist harmloser, ohne aggressiven Ton daher, doch noch immer werden Menschen zum Schutz ‚“ihrer Heimat‚“ an die Waffen gerufen, z.B. wenn Soldat_innen lernten, ‚“Deutschland auch am Hindukusch zu verteidigen‚“.

Wenn nun immer mal wieder das Bestreben nach Luft schnappt, ‚“Heimat‚“ und ‚“Patriotismus‚“ in einem grünen Verständnis neu zu denken oder gar ‚“zurückzuerobern‚“, ist das wohl eine Begleiterscheinung der strategischen öffnung hin zur ‚“neuen Bürgerlichkeit‚“. Trotzig wollen sich einige nicht von hinderlichen Termini und Konzepten verabschieden. Warum aber sollten wir eigentlich faire Arbeitsverhältnisse, eine intakte Umwelt, soziale Teilhabe, Zugang zu Bildung etc. nur soweit wollen, wie unsere „Heimat“ reicht?

Der Begriff Heimat muss ja nicht gänzlich aufgegeben werden: In gesellschaftlichen Debatten, die sich ihm vorsichtig, offen und skeptisch nähern, können wir ihn auf persönlicher Ebene abklopfen. Mit ‚“Heimat‚“ aber Politik zu machen, ist schlicht daneben!

Norma Tiedemann

vom 19. August 2011