Gute Ausbildung für ALLE.

Viele Menschen in Deutschland absolvieren im Laufe ihres Lebens eine Berufsausbildung. Lange Zeit hat ein Großteil der Menschen eine Ausbildung gemacht, erst seit kurzem gibt es – knapp – mehr Studierende als Auszubildende. Und auch heute ist die Berufsausbildung wichtiger Bestandteil der Lebensrealitäten vieler junger Menschen in Deutschland. Berufsausbildung ist in Deutschland traditionell als Duale Ausbildung strukturiert. Dabei findet der eine Teil der Ausbildung direkt im Betrieb, der andere in Berufsschulen statt. Gleichzeitig gibt es auch so genannte vollschulische Ausbildungen, die ausschließlich in der Berufsschule stattfinden oder Berufe für die es beide Ausbildungsmöglichkeiten gibt.

Die wichtigste gesetzliche Grundlage für die duale Ausbildung ist das Berufsbildungsgesetz (BBiG), in dem alle zentralen Fragen von Berufsausbildung geregelt werden. Von der Zulassung von Ausbildungsstätten über Rechte von Auszubildenden bis zur Beteiligung von Sozialpartnern wird im BBIG der Rahmen zur Berufsausbildung gegeben. Im Koalitionsvertrag hat die große Koalition 2013 eine Überarbeitung genau dieses Gesetzes vereinbart. Diese Novellierung steht Ende 2015 an – bisher ist noch nicht absehbar, dass die Große Koalition lange nötige Verbesserungen vornimmt.

In den letzten Jahren werden die Beschwerden von Unternehmen über fehlende geeignete Bewerber_innen und frei bleibende Lehrstellen immer lauter. Gleichzeitig bleiben immer mehr junge Menschen ohne einen Ausbildungsplatz in ihrem Wunschberuf oder gar komplett ohne Lehrstelle. Jahr für Jahr verschwinden etliche Jugendliche in so genannten Übergangsmaßnahmen. Gerade in Ausbildungsberufen mit niedriger Bezahlung, vielen Überstunden und oft schlechten Arbeitsbedingungen bleiben viele Stellen unbesetzt. Gleichzeitig sind es oft genau diejenigen Berufe, die tragende Funktionen in der Gesellschaft übernehmen und dringend attraktiver gestaltet werden müssen.

Die GRÜNE JUGEND sieht an verschiedenen Stellen großen Verbesserungsbedarf im aktuellen Ausbildungssystem und fordert:
1. Gute Ausbildungsbedingungen sicherstellen!
Die Ausbildungsbedingungen sind ein zentraler Faktor für die Zufriedenheit von Auszubildenden mit ihrer Ausbildung und im Betrieb. Laut Ausbildungsreport der DGB-Jugend, machen zum Beispiel 38,1 % der Auszubildenden regelmäßig Überstunden, insbesondere Auszubildende im Hotel- und Gaststättengewerbe, sowie Fachverkäufer_innen im Lebensmittelhandwerk sind betroffen. Tatsächlich regelt der Ausbildungsrahmenplan wann Auszubildende was lernen sollen, Überstunden nützen dem Lernverhältnis also nichts, sondern nur den Unternehmen. Als GRÜNE JUGEND fordern wir daher, dass das Verbot von Beschäftigung von Auszubildenden über die vereinbarte Wochenarbeitszeit hinaus konkretisiert wird. Gleichzeitig dürfen geleistete Überstunden nicht mehr unter den Tisch fallen, sondern müssen innerhalb der selben Woche mit Freizeit ausgeglichen werden. Sollte ein fristgerechter Freizeitausgleich in Ausnahmfällen nicht möglich sein, fordern wir die Gutschrift von 1,5 Stunden für eine geleistete Überstunde. Wochenend- und Schichtdienste für Auszubildende dürfen nur dann zulässig sein, wenn sie für die Vermittlung der Ausbildungsinhalte dringend erforderlich sind, müssen besonders entlohnt werden und dürfen sich nicht häufen.

Wir als GRÜNE JUGEND sagen: In einer Gesellschaft sollte man arbeiten um zu leben, nicht leben um zu arbeiten! Wir fordern daher eine Reduzierung der Normalarbeitszeit insbesondere auch für Auszubildende auf 30 Stunden die Woche bei vollem Lohnausgleich sowie die Erhöhung des Urlaubsanspruchs für Auszubildende.
Dringend notwendig ist außerdem, dass die Berufsschulzeiten bei allen – und nicht nur bei minderjährigen – Auszubildenden inklusive Wege- und Pausenzeit vollständig auf die Arbeitszeit bei voller Weiterzahlung der Ausbildungsvergütung angerechnet werden. Ein Berufsschultag soll grundsätzlich als voller Arbeitstag (bzw. Berufsschulwochen als Arbeitswochen) angerechnet werden – die Rückkehrpflicht in den Betrieb muss abgeschafft werden!

Die Berufsschule ist ein zentraler Teil der dualen Ausbildung. Wir glauben aber: Azubis können eigenverantwortlich mit ihrer Zeit umgehen. Darum fordern wir zuallererst, dass Auszubildende selbst entscheiden sollen welche Berufsschule sie besuchen. Auf Wunsch des_der Auszubildenden muss außerdem eine Befreiung von der Berufsschulpflicht, und damit ein selbstständiges Lernen möglich sein. Auszubildende können im Rahmen dessen eigenverantwortlich lernen oder auch eine andere Bildungseinrichtung besuchen, die sie selbst zur Vorbereitung auf die Prüfungen für sinnvoll erachten. Berufsschulen sollen – genauso wie andere Schulen – demokratischer organisiert werden um die Mitbestimmung von Auszubildenden zu stärken! Weiterhin fordern wir bezahlten Sonderurlaub vor und während aller Kammerprüfungen.

Die Ausbildungsvergütung ist neben der Arbeitszeit ein weiterer zentraler Punkt: Die Höhe der Vergütung unterscheidet sich zwischen den Ausbildungsberufen und teilweise auch innerhalb der Branchen enorm und ist an vielen Stellen nicht ansatzweise existenzsichernd. Wir fordern daher eine existenzsichernde Mindestausbildungsvergütung, die für alle Ausbildungen gilt und auch für schulische und außerbetriebliche Ausbildungen gezahlt, und über Umlagen finanziert, wird. Schulische Ausbildungen müssen außerdem von sämtlichen Gebühren befreit werden. Langfristig fordern wir eine Vergütung, die über die Existenzsicherung hinaus geht und ein lebenswertes Leben ermöglicht.

Bis dahin muss es weiterhin möglich sein Berufsausbildungsbeihilfe zu beantragen, wobei der Höchstsatz dringend auf den des Bafög-Höchstsatzes erhöht und die Antragstellung erheblich vereinfacht werden muss, um Auszubildende nicht vor zusätzliche Barrieren zu stellen. Zusätzlich fordern wir die Entkopplung vom Einkommen der Eltern. Nur so kann in allen Fällen das Existenzminimum gewährleistet werden. Auszubildende mit Kind sollen höhere Sätze beantragen können.

Auch nach dem Verlust oder Wechsel des Ausbildungsplatzes, müssen Auszubildende genug Geld zum Leben haben. Im Moment haben sie aber weder Anrecht auf Unterhalt noch auf staatliche Unterstützung. Das muss sich ändern! Nicht selten machen Unternehmen nach einer Auflösung des Ausbildungsverhältnisses Schadensersatzansprüche gültig, die Auszubildende zur (Teil-)Rückzahlung der Vergütung zwingen sollen. Obwohl die meisten Gerichte solche Ansprüche für ungültig erklären, entsteht zunächst eine große Verunsicherung bei den Auszubildenden. Auch hier müssen Auszubildende in ihren Rechten gestärkt werden und sich ihrer Rechte im Klaren sein.

Außerdem fordern wir die Gleichsetzung von Auszubildenden und Studierenden bei Vergünstigungen. Dies gilt sowohl für kulturelle Angebote, also auch bei der Mobilität. Auszubildende haben kein Anrecht auf Ticket-Abonnements für den öffentlichen Nahverkehr und sind dabei meistens auf die Angebote ihrer Betriebe angewiesen. Dabei müssen auch Auszubildende täglich zur Arbeit oder Schule fahren. Deshalb fordern wir Ländertickets für alle Auszubildenden. Des Weiteren fordern wir, dass jegliche Rabatte und Vergünstigungen im Bereich der kulturellen und politischen Bildung (Museen, Seminare, Sprachkurse, Zeitungen, …), Auszubildende genauso wie Studierende und Schüler_innen erhalten.
2. Ausbildungsqualität sichern und Zielkonflikt der Kammern beenden!
Berufsausbildung braucht sowohl auf betrieblicher als auch auf schulischer Ebene klar definierte Qualitätsstandards nach denen die Akteure in der Berufsausbildung handeln. Diese Qualitätsstandards werden vor allem im BBiG, den Ausbildungsrahmenplänen, den Rahmenlehrplänen und verschiedenen Tarifverträgen gesetzt. Mit dem EQAVET ( European Quality Assurance in Vocational Education and Training) wurde auf europäischer Ebene mit der Entwicklung gemeinsamter Qualitätssicherungssysteme begonnen. Seit 2008 wird deutschlandweit mir der Referenzstelle für Qualitätssicherung in der beruflichen Bildung (DEQA-VET) an der Entwicklung solcher Standards gearbeitet.  Dieser Weg muss konsequent weitergeführt und vorangetrieben werden.

Wir möchten eine umfassende Richtlinie für Betriebe und Sozialpartner, die gemeinsame Qualitätsstandards festlegt und die gemeinsamen Ziele der Auszubildenden-zentrierten Berufsausbildung definiert.

Noch immer sind ausbildungsfremde Tätigkeiten in vielen Betrieben und Ausbildungsberufen Gang und Gäbe. Doch Auszubildende sind nicht einfach „billige Produktionsarbeitskräfte“! Das Aushändigen eines jährlichen, betrieblichen Ausbildungsplans an die Auszubildenden soll daher gesetzlich verankert werden. Auszubildende haben ein Recht darauf, zu wissen, wann und warum sie in welcher Abteilung ihres Betriebes untergebracht sind und welche Inhalte sie im Verlauf des Jahres vermittelt bekommen sollen.

Die Qualität der Ausbildung hängt aber in erheblichem Maße auch von den Ausbilder_innen ab. Darum muss die Ausbilder-Eignungs-Verordnung (AEVO) überprüft und aktualisiert werden. Eine Außerkraftsetzung der AEVO wie zuletzt 2003 unter Rot-Grün mit Bildungsministerin Edelgard Bulmahn geschehen, ist unverantwortlich und darf nicht erneut erwirkt werden. Stattdessen muss die AEVO eine Grundlage bieten um berufspädagogische und jugendpsychologische Standards in der Ausbildung zu ermöglichen. Ausbilder_innen müssen außerdem dazu verpflichtet werden, sich regelmäßig fortzubilden.

Bisher sind die Berufsbildungsausschüsse der Kammern zwar dafür verantwortlich die Qualität der betrieblichen Ausbildung zu kontrollieren, die gesetzliche Grundlage (§79 BBiG) dafür ist im Moment aber schwammig und muss konkretisiert werden. Kurzfristig müssen für die Arbeit der Berufsbildungsausschüsse verbindliche Strukturen geschaffen werden, die ihre Arbeit als Qualitätssicherungsorgane regeln und ihre regelmäßige Arbeit und Zusammenkunft, insbesondere zur Sicherung der Ausbildungsqualität, festigen.
Langfristig müssen wir aber das eigentliche Problem in den Blick nehmen: Die Kammern, die letztlich Interessenvertretungen der Arbeitgeber_innen sind, sind im Moment dafür verantwortlich Ausbildungszulassungen zu vergeben und bei Verstößen gegen Jugend- und Arbeitsschutzgesetze diese auch wieder zu entziehen. Außerdem sind sie dafür verantwortlich die Ausbildungsqualität zu überwachen und Auszubildende bei Problemen zu beraten. Damit müssen die Kammern, insbesondere ihre Ausbildungsberater_innen, bei Verstößen Maßnahmen gegen ihre eigenen Mitglieder ergreifen. Schon allein die hohe Zahl von (zumeist ungeahndeten) Verstößen zeigt, dass diese Doppelfunktion zu einem Zielkonflikt führt, der für Auszubildende erhebliche Nachteile birgt.

Als GRÜNE JUGEND fordern wir darum langfristig die Einrichtung einer unabhängigen Institution, die die Betreuung und Beratung von Auszubildenden, die Vergabe von Ausbildungszulassungen und die Kontrolle der Ausbildungsqualität in den Betrieben sowie etwaige Maßnahmen bei Verstößen gegen die Jugend- und Arbeitsschutzgesetze wie die Entziehung der Ausbildungszulassung, und außerdem die Abnahme von Prüfungen und andere Aufgaben der Kammern in Bezug auf Berufsausbildung übernimmt. Kurzfristig müssen mehr Stellen für unabhängige Ausbildungsberater_innen in Berufsschulen geschaffen werden um Beratung und Unterstützung für Auszubildende auch außerhalb der Kammern möglich zu machen. Als GRÜNE JUGEND befürworten wir dabei ausdrücklich Modellversuche wie die hessische Qualifizierte berufspädagogische Ausbildungsbegleitung in Berufsschule und Betrieb (QUABB), fordern aber, dass solche Unterstützung für Auszubildende so unabhängig wie möglich stattfindet, sodass keine Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Berater_innen und den Kammern entstehen.

Auch in Bezug auf die Prüfungskommissionen sehen wir schnellen Handlungsbedarf:
Die praktische Prüfung wird von einer Kommission der lokalen Kammer bewertet. Mitglied dieser Kommission können Ausbildung- oder Personalverantwortliche der jeweiligen Mitgliedsunternehmen, aber auch Berufsschullehrer_innen werden. Es bestehen keine Regelungen, nach der die jeweilige Verantwortliche nicht den_die eigene Auszubildende_n prüfen und bewerten darf. So kann es dazu kommen, dass der_die eigene Vorgesetzte über den Erfolg der Berufsausbildung bestimmen kann. Hierbei kann die Bewertung verzerrt werden, da neben Fachwissen auch persönliche und wirtschaftliche Faktoren in die Bewertung mit einfließen können. Es braucht also eine unabhängige Prüfungskommission, deren Mitglieder in keinem Bezug mit dem_der Auszubildende_n stehen.

3. Diskriminierung bekämpfen!
a) Inklusion auch in der Berufsausbildung
Rund 50 000 Menschen mit speziellem Förderungsbedarf machen jedes Jahr ihren Schulabschluss, aber nur etwa 7% davon finden einen Ausbildungsplatz. Der starre Zeitplan einer dualen Ausbildung lässt kaum flexible Ausbildungskonzepte zu, die einem individuellen Förderungsbedarf gerecht werden würden. Die GRÜNE Jugend fordert daher die flächendeckende Einrichtung von Teilzeitmodellen und anderen, flexibleren Arbeitszeitmodellen in der Ausbildung, um nicht nur Menschen mit Behinderung sondern auch jungen Alleinerziehenden, Eltern und Jugendlichen, die pflegebedürftige Angehörige haben, den Zugang zu einem regulären Berufsabschluss zu erleichtern. Darüber hinaus müssen die Angebote von ausbildungsbegleitenden Hilfen und assistierter Ausbildung weiter ausgebaut und den Betrieben bekannt gemacht werden. Im Zuge dessen müssen die Anforderungen einer inklusiven Schule natürlich auch in den Berufsschulen konsequent umgesetzt und damit Barrieren abgebaut werden.

Jeder junge Mensch soll die Möglichkeit bekommen einen zu ihr_ihm passenden Beruf zu lernen und auszuüben. Barrieren in den Köpfen der Personalchef_innen müssen weiter abgebaut werden um die UN-Behindertenrechtskonvention in allen Bereichen umzusetzen.

b) Hürden für Bewerber_innen und Auszubildende mit Migrationshintergrund abbauen
Laut dem DGB-Ausbildungsreport 2015 hat etwa jeder vierte Mensch in einem Ausbildungsverhältnis einen Migrationshintergrund – dies entspricht in etwa dem gesamtgesellschaftlichen Anteil der Menschen zwischen 15 und 25 Jahren.

Leider ist die Verteilung auf die Berufe aber sehr unterschiedlich: In eher schlecht entlohnten Branchen steigt der Anteil bis zu über 50 %, während in den Berufen der Metall- und Elektroindustrie sowie dem Bankwesen lediglich 14-17% der Auszubildenden, laut eigenen Angaben, einen Migrationshintergrund haben. Das Risiko später im Niedriglohnsektor zu arbeiten ist für Migrant_innen also erheblich erhöht.
Darüber hinaus ist der Anteil derer, die einen Ausbildungsplatz in ihrem Wunschberuf finden deutlich geringer als bei Bewerber_innen ohne Migrationshintergrund. Wir finden: Das geht gar nicht! Da der Ausbildungserfolg maßgeblich von der Zufriedenheit der Lernenden abhängt, fordert die GRÜNE Jugend eine aktive Antidiskriminierungsarbeit auf Seiten der Betriebe.

Im Auswahlverfahren dürfen Menschen nicht weiter aufgrund ihrer Nationalität, ihres Migrationshintergrundes, kulturellen Zugehörigkeit oder Race benachteiligt werden, weshalb wir die Einführung von anonymisierten Bewerbungsverfahren in Betrieben ab zehn Mitarbeiter_innen und die Einbeziehung von Gleichstellungsbeauftragten bei den Bewerbungsverfahren fordern. Ausbildende, sowie Personalverantwortliche und Berufsschullehrer_innen müssen im Umgang mit Diskriminierung und von Diskriminierung betroffenen Jugendlichen sensibilisiert werden.

Um Rassismus am Ausbildungsplatz zu verhindern, muss es auch hierfür eine unabhängige, divers besetzte Beschwerdeinstanz geben. Personen, die aufgrund komprimierter Sprachkenntnisse oder eines unsicheren Aufenthaltstatus besonders anfällig für Diskriminierung sind, müssen geschützt werden. Geflüchtete, die versuchen müssen, sich in ein einwanderungsfeindliches Arbeitsmarksystem zu integrieren, dürfen nicht Opfer zahlloser unbezahlter Überstunden und sonstiger Ausbeutung werden.

c) Weg mit den Geschlechterklischees – Her mit echter Gleichberechtigung!
Zahlreiche Berufe sind bei der gesellschaftlichen Mehrheit stereotyp als „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ besetzt. Zum Beispiel werden handwerkliche Berufe, noch immer hauptsächlich Männern zugeschrieben, während soziale Berufe oder Tätigkeiten im Dienstleistungsbereich, etwa Erzieher_in oder Sekretär_in, eher Frauen zugeschrieben werden. Diese Klischees spiegeln sich leider auch in der Berufswahl wieder. So liegt der Männeranteil zum Beispiel im Metallbau, bei Bergleuten, Berufskraftfahrer_innen sowie in Elektroberufen deutlich über 90 Prozent. Der Frauenanteil bei haus- und ernährungswirtschaftlichen Berufen, bei Erzieher_innen, Friseur_innen oder in der Krankenpflege ist ebenfalls extrem hoch.

Die Frage ob Frauen im Laufe ihres Lebens ihren und den Lebensunterhalt ihrer Familie selbst bestreiten können und nicht in Abhängigkeiten fallen, hängt bisher maßgeblich davon ab welchen Beruf – und damit auch welche Berufsausbildung – sie wählen.

Wir sagen: Es muss Schluss sein mit veralteten Rollenklischees und damit verbundenen Ungerechtigkeiten!
Dafür müssen typische „Frauenberufe“, die zumeist auch deutlich schlechter bezahlt sind als typische „Männerberufe“ gesellschaftlich und vor allem finanziell aufgewertet werden. Darunter fallen insbesondere auch Pflege-, Therapie – und Sozialberufe, die für die Gesellschaft – gerade in Zeiten des demographischen Wandels – ungemein wichtig sind, sich aber oftmals durch schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Entlohnung und wenig gesellschaftliche Wertschätzung auszeichnen. Das wollen wir ändern! Weiter fordern wir, dass erschwerte Zugänge in besonders typische Männer- oder Frauenberufe gesucht und behoben werden. Beispielsweise müssen familienfreundliche Teilzeitarbeit oder Kinderbetreuung, die viel häufiger in typisch weiblichen Berufen angeboten wird, in typisch männlichen Berufen gefördert und beworben werden.

Außerdem fordern wir einen Wandel im Bildungssystem, das noch immer in Texten und Bildern Rollenklischees festigt. Bereits in der Phase der Berufsorientierung muss daher an Schulen neutral informiert und aktiv den bestehenden Vorurteilen entgegengewirkt werden. Dafür sollen auch Veranstaltungen und Förderprogramme wie zum Beispiel der Girls- und Boys Day stärker gefördert werden um jungen Schüler_innen Berufe zu zeigen, die eher mit einem anderen Geschlecht verbunden werden. Insbesondere Frauen sollen in männlich dominierten Berufen gefördert werden.

4. Ein Recht auf Ausbildung!
Aktuell können nur etwa 65 Prozent derer die zu Ausbildungsbeginn gerne eine Ausbildung anfangen würden, wirklich eine Ausbildung beginnen. Für viele Ausbildungsinteressierte bringt die erfolglose Suche eines Ausbildungsplatzes allerdings eine lange Warte- beziehungsweise Überbrückungszeit mit sich. Damit alle Ausbildungsinteressierten, egal welchen Schulabschluss, sozialen, ethnischen oder sonstigen individuellen Hintergrund sie haben, einen qualitativ hochwertigen und für sie geeigneten Ausbildungsplatz bekommen, fordert die GRÜNE JUGEND eine Ausbildungsgarantie als gesetzlich garantierten Anspruch. Diese soll vor allem durch bessere Vermittlungsprogramme umgesetzt werden, die potentielle Auszubildende und Ausbildungsbetrieben oder Fachschulen zusammenführen. Finanziert werden sollen Ausbildungsplätze zukünftig über eine Umlagefinanzierung, wie sie zum Beispiel in der Krankenpflegeausbildung schon erfolgreich umgesetzt wird. Alle Betriebe profitieren von gut ausgebildeten Fachkräften – deshalb sollten sich auch alle daran beteiligen!
Allen ausbildungsinteressierten Jugendlichen, die keine Lehrstelle erhalten, muss eine außerbetriebliche Ausbildungsstelle angeboten werden, die in Qualität und Geltung der regulären Ausbildungen gleichkommt. Der Wechsel von einer außerbetrieblichen Ausbildungsstelle auf eine betriebliche  Ausbildungsstelle muss dabei unkompliziert möglich sein. Übergangsmaßnahmen dürfen nicht länger als Endstation für angeblich nicht „ausbildungsreife Jugendliche“ eingesetzt werden – jeder junge Mensch verdient Perspektiven! Genauso wie eine Ausbildungsgarantie fordern wir außerdem auch eine Übernahmegarantie für Auszubildende um ihnen eine langfristige Planungssicherheit zu ermöglichen.

5. Azubis ernst nehmen und Mitbestimmung stärken!
Die Mitbestimmung von Auszubildenden in Betrieben wird ab einer Anzahl von 5 Auszubildenden formal durch eine Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) laut dem Betriebsverfassungsgesetz geregelt. Allerdings gilt dies nur für Betriebe in denen es bereits ein Betriebsrat gibt. Die Grüne Jugend fordert die Senkung der Hürden zur Einrichtung einer Jugend und Auszubildendenvertretung, sodass Auszubildende auch ohne Betriebsrat eine Stimme gegenüber ihrer Vorgesetzten bekommen.

Jugendliche und Auszubildende sind die zukünftigen Fachkräfte der Betriebe und müssen mit ihren Positionen und Wünschen ernst und wahrgenommen werden.

In Betrieben mit Betriebsrat fordert die GRÜNE Jugend daher ein dauerhaftes Stimmrecht in Betriebsratssitzungen für die Jugendvertretung, anstatt diese nur dann zu berücksichtigen, wenn die Entscheidung mehrheitlich Auszubildende betrifft. Außerdem sollen auch minderjährige Arbeitnehmer_innen den Betriebsrat mitwählen dürfen.

Auszubildende müssen ihre Rechte kennen und wissen an welcher Stelle sie sich im Beschwerdefall wenden können. Die Rechte von Azubis, die Inhalte des Rahmenlehrplans und des Ausbildungsrahmenplans müssen daher in der Berufsschule verbindlich behandelt und damit mehr in den Blickpunkt gerückt werden. Eine Kooperation von Gewerkschaften bzw. Gewerkschaftsjugenden und Berufsschulen ist hier unerlässlich, sodass die Auszubildenden Informationen berufsspezifisch direkt von den entsprechenden Arbeitnehmer_innenvertretungen bekommen können. Gewerkschaften müssen einen Zugang zu Berufsschulen haben, um mit Auszubildenden ins Gespräch zu kommen. Für eine starke bundesweite Interessenvertretung von Auszubildenden ist diese Art von Meinungsbildung und Mitbestimmung unerlässlich.

6. Zersplitterung von Ausbildung entgegentreten!
Die GRÜNE JUGEND sieht die Untergliederung der Ausbildungsinhalte in einzelne Module – ähnlich zum Bachelor/Master-Programm an Universitäten – wie die Grünen sie fordern, kritisch. Diese Maßnahmen, die die Ausbildung für Auszubildende flexibler machen, die Durchlässigkeit verbessern und mehr Ausbildungsplätze ermöglichen sollen, können tatsächlich zu einer Verkomplizierung und Zersplitterung der Ausbildung führen. So wird es Auszubildenden erschwert eine Ausbildung zu machen, die ihnen einen Berufsabschluss und eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt verschafft.

Unternehmen sollen Verantwortung für die Ausbildung der Lernenden übernehmen und nicht nur einzelne Module anbieten, denn Auszubildende brauchen feste Bezugspersonen und kein Chaos aus verschiedenen Modulanbieter_innen. Das Argument, das mit der Modularisierung Ausbildungsplätze in spezialisierten und kleinen Unternehmen geschaffen werden, greift nur dann, wenn die neu geschaffenen Ausbildungsplätze sich auf die dort möglichen Module beschränken – und mehr Schmalspurausbildungen, wie wir sie jetzt schon bei der so genannten Stufenausbildung sehen, brauchen wir nicht. Ausbildungen in Kooperationen sind auch heute schon möglich und können daher nicht als Argument für eine Modularisierung herhalten. Niemand verneint, dass es gerade kleinen Unternehmen erleichtert werden soll auszubilden, aber Maßnahmen wie die Umlagefinanzierung sind dafür deutlich besser geeignet als die Zerstückelung von Berufsausbildungen. Davon unbetroffen fordern wir selbstverständlich, dass alle Auszubildenden das Recht haben sollen den Ausbildungsbetrieb auf eigenen Wunsch zu wechseln.

Die Forderungen zur besseren Durchlässigkeit des Bildungssystems, insbesondere des Übergangs von Ausbildung zum Studium sowie der Anrechenbarkeit von bereits Erlerntem beispielsweise bei einer Unterbrechung der Ausbildung, unterstützen wir. Wir glauben aber nicht, dass eine Modularisierung der Ausbildung die richtige Lösung dafür ist. Stattdessen sollen die erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen im Ausbildungszeugnis festgehalten und bei der Aufnahme eines Studiums anrechenbar sein. Eine abgebrochene Ausbildung muss dort fortgesetzt werden können, wo sie unterbrochen wurde. Das geht auch ohne Modularisierung!

Die GRÜNE JUGEND tritt für vollumfassende Berufsausbildungen ein, die mit qualifizierenden Berufsabschlüssen enden. Eine Modularisierung mag einzelne Vorteile für Unternehmen und Auszubildende mit sich bringen, insgesamt wird sie aber zu immer mehr Schmalspurausbildungen und der Zersplitterung von Lebensläufen führen. Immer weitere Neoliberalisierung des Arbeits- und Ausbildungsmarktes ist nichts, was wir als GRÜNE JUGEND unterstützen wollen. Darum lehnen wir eine Modularisierung der Berufsausbildung ab. Stattdessen sollen Auszubildende Anspruch auf bezahlte Praktikumszeiten haben, die sie in verschiedenen Unternehmen im Laufe ihrer Ausbildung absolvieren können, um so andere Betriebe und Tätigkeitsfelder im Zusammenhang mit ihrem Ausbildungsberuf kennenzulernen. Insbesondere Praktika im Ausland und Auslandsaufenthalte generell sollen gefördert werden um auch Auszubildenden die Möglichkeit zu geben eine Zeit im Ausland zu lernen und andere Menschen, Kulturen und Länder kennenzulernen. Diese Auslandsaufenthalte sollen analog zum Auslandsbafög staatlich förderbar sein.

Auf lange Sicht ist eine Flexibilisierung der Ausbildung sinnvoll und notwendig um allen jungen Menschen gerecht zu werden und Inklusion voranzutreiben – aber nicht zu Lasten der Ausbildungsqualität und zum Nachteil der Auszubildenden!

Ausbildung nach vorne bringen!
Es gibt also in der Ausbildungspolitik noch einiges zu tun. Dies muss insbesondere konservativen Kräften mit ihrem übertriebenem, nationalistischen Stolz auf das duale Ausbildungssystem verdeutlicht werden. Um dem entgegenzuwirken sollten wir Ausbildung in den nächsten Jahren europäisch denken und weiterentwickeln – gemeinsame, europäische Qualitätsstandards sind dazu nur der erste Schritt. Festzuhalten bleibt, dass das Ausbildungssystem wie es bisher existiert eine gute Basis und vielen jungen Menschen eine gute Ausbildung bietet, dass aber in den letzten Jahren einige negative Punkte stark zugenommen haben. Wollen wir auch in Zukunft jungen Menschen eine gute Ausbildung bieten können – an der sie Spaß haben und gerne lernen, müssen wir es anpacken und die angesprochenen Punkte möglichst schnell umsetzen! Denn für uns als GRÜNE JUGEND gilt: Die Ausbildung ist „primär“ im Sinne der Auszubildenden und erst nachgeordnet nach den Interessen der Betriebe auszurichten. Das muss sich auch im Aufbau und der Qualität wiederspiegeln. Denn wir als Grüne Jugend sind erst dann zufrieden, wenn auch alle Auszubildenden zufrieden sind!