Globalisierung der Genderperspektive

Beschluss der GRÜNEN JUGEND auf dem 28. Bundeskongress in Halle zur Situation von Frauen durch die Globalisierung.

Wie verschärft Globalisierung die Situation von Frauen?

Können die Auswirkungen der Globalisierung auf eine Gruppe wie Frauen überhaupt thematisiert werden, gibt es frauenspezifische Folgen der Globalisierung? Natürlich stellen die Frauen in der Welt keine homogene Gruppe dar: Es gibt Trennungslinien, die zwischen Nord und Süd, arm und reich oder auch zwischen Glaubens- und Weltanschauungen verlaufen. Trotzdem lassen sich im Ganzen genommen zahlreiche Effekte der Globalisierung vor allem an der weiblichen Hälfte der Menschheit beobachten, was natürlich auch damit zu tun hat, dass Frauen ganz einfach immer noch andere gesellschaftliche Aufgaben wahrnehmen, andere Rollen ausführen und in unzähligen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens trotz aller erreichten Fortschritte immer noch nicht gleichgestellt sind.

Armut ist feminin

Greift man sich zuerst das größte Problem der breiten Masse der Erdbevölkerung heraus, die Armut, zeigen sich sofort die negativen Tendenzen: ein Großteil der ärmsten Menschen der Erde sind Frauen (Frauen stellen 60 Prozent der ärmsten eine Milliarden Menschen der Welt; UNDP-Bericht 2006). Nicht umsonst sprechen WissenschaftlerInnen von einer Feminisierung der Armut.

Frauen als Hauptopfer prekärer Arbeitsbedingungen

Als Grund für die hohe Armutsrate unter Frauen ist vor allem der große Anteil von Frauen bei den prekären Arbeitsverhältnissen zu nennen. Die oben angesprochene Rollenverteilung hat besonders in Entwicklungsländern zur Folge, dass Frauen mit ihrer unbezahlten (Mehr-) Arbeit in der Familie oft die sozialen Folgen der Globalisierung auffangen und kompensieren. Erwiesenermaßen sind es außerdem meistens die Frauen, die das klägliche Familieneinkommen auf dem so genannten grauen Markt aufbessern. Als Händlerinnen, Schneiderinnen oder Müllsammlerinnen arbeiten sie im rechtlichen Sinne illegal, verdienen einen Hungerlohn und besitzen keinerlei Arbeitsschutz.

Aber auch an den "reichen" Frauen, vornehmlich in den Industrienationen, geht die Globalisierung nicht spurlos vorüber. Wenn es zu Massenentlassungen kommt, auch verursacht durch die Folgen der weltweiten Arbeitsteilung, die Wanderung der Arbeit und die Standortkonkurrenz, müssen oft die Mitarbeiterinnen als Erste gehen. Neben der niedrigeren Entlohnung von Frauen sind auch die Arbeitsverhältnisse unsicherer. Einhergehend mit dem Strukturwandel ist die Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt. Negative Folgen der Flexibilisierung spüren vor allem Frauen und junge Menschen. Das Privileg des Vollzeitarbeitsverhältnisses ist besonders Männern vorbehalten. Frauen arbeiten hingegen häufig in gering qualifizierten Bereichen, im Niedriglohnbereich, in befristeten Arbeitsverhältnissen und Projektstellen. Insbesondere in Deutschland wird sich weiterhin ans Alleinverdiener- und -ernährermodell geklammert, weshalb Frauen höchstens ein Zubrot verdienen, aber doch bitte keine Karriere machen sollen.

Obwohl die Weltbank feststellt, dass Frauen die Gewinnerinnen der ökonomischen Globalisierung sind und der Anteil der weiblichen Erwerbstätigkeit in den letzten Jahren immens gestiegen ist, müssen wir dagegenhalten: das Bild wird verzerrt durch die Nachteile in der Erwerbstätigkeit z.B. bei den Löhnen, dem hohen Anteil von Frauen im Teilzeit- oder Niedriglohnbereich und die Diskrepanz zum Bildungsniveau, das nicht in gleichem Maße angestiegen ist.

  • Wir fordern eine Ausarbeitung von wirksameren Maßnahmen (auch von der UN), die Frauen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Selbstbestimmung auf der ganzen Welt ermöglichen.
  • Wir stehen für ein Arbeitsmarktkonzept ein, das ArbeitgeberInnen bevorzugt, die voll sozialversicherungspflichtige Jobs schaffen anstatt auf den Niedriglohnsektor zu setzen. Stundenlöhne von 3 Euro sind nicht existenzsichernd – wir fordern (branchenspezifische) Mindestlöhne am Arbeitsmarkt.
  • Wir fordern, dass der Punkt Gender auf die Tagesordnung der Welthandelsorganisation (WTO) kommt und dort ein Leitfaden entwickelt wird, wie die Probleme der prekären Arbeitsverhältnisse von Frauen in den nächsten Jahren angegangen und konsequent geändert werden können.
  • Mit Nachdruck erneuern wir unsere Forderung nach gleicher Entlohnung für gleiche Arbeit.


Arbeitsmigration

Paradox wirkt die Verflechtung zwischen den Welten: In den Industriestaaten steigt der Bedarf an Haushaltshilfen, insbesondere unter hoch qualifizierten Frauen. Die Hausarbeit wird nicht zwischen den Geschlechtern aufgeteilt, sondern an andere Frauen weitergegeben. So wird in Frankreich beispielsweise die Einstellung von Dienstmädchen (und -jungen) über Zuschussmodelle öffentlich gefördert. In dieser Entwicklung ist zunächst nichts grundlegend Schlechtes zu sehen. Meist wird diese Arbeit allerdings von gering qualifizierten Frauen oft mit Migrationshintergrund zu Dumpinglöhnen absolviert. Der Bedarf am "Mädchen-für-alles" steigt weiter. In den Entwicklungsländern wiederum erhöht sich die Bereitschaft zu emigrieren, da in den Heimatländern ein Entkommen aus der Armutsfalle für Frauen kaum möglich ist. Anstellungen finden sich zwar zu Hungerlöhnen und unmenschlichen Arbeitsbedingungen, aber davon kann häufig nicht gelebt werden. Angebote in reichere Länder illegal einzureisen locken. Dubiose Schlepperbanden, Frauenhandel, Heiratsvermittlungen, Zwangsprostitution sind die Folge.

  • Entwicklungszusammenarbeit muss auf soziale Standards bei der Beschäftigung pochen, die Frauen Lebensperspektiven in ihren Heimatländern eröffnen.

Wen trifft die Aushöhlung des Nationalstaates besonders stark?

Die negativen Folgen der Aushöhlung des Nationalstaates, die im Zuge der Globalisierung immer weiter voran schreitet, treffen Frauen öfter als Männer. Leider ist es häufig immer noch nötig, dass Frauen durch besondere Gesetze oder staatliche Maßnahmen geschützt werden müssen. Wenn diese staatliche Ebene zu bröckeln beginnt, sind Frauen verstärkt den Konzernen und Unternehmen ausgeliefert, die Gleichstellungsprinzipien (wie gleicher Lohn) häufig links liegen lassen. Zwar ergaben sich vor allem durch die Möglichkeit der weltweiten Vernetzung für die Frauen auch positive Aspekte: Frauenorganisationen geben den einzelnen Frauen eine Stimme, bringen deren Probleme auf die globale Agenda und kämpfen besonders im Rahmen der Vereinten Nationen (VN) für mehr Rechte und eine wirkliche Gleichstellung der Frauen. Trotz aller positiven Entwicklungen können viele Frauen auf dieser Welt ohne zu übertreiben als Verliererinnen der Globalisierung bezeichnet werden.

  • Auch aus einer Genderperspektive heraus muss die ungezügelte Macht der großen Konzerne beschnitten werden und Sozial- und Umweltstandards auf allen Betrieben der Erde Anwendung finden.
  • Während die Weltfrauenkonferenzen anfangs im 5-Jahres-Rhythmus stattfanden, ist die letzte Weltfrauenkonferenz in Beijing bereits 12 Jahre her. Eine Weltfrauenkonferenz zu Globalisierung ist überfällig!
  • Wir wollen Geschlechtergerechtigkeit auch in den "Institutionen der Globalisierung": also Frauen in Führungspositionen des IWF, Weltbank und anderen global agierenden Institutionen, damit die besonderen Interessen von Frauen in Bezug auf die Globalisierung vertreten werden. Dies geht natürlich mit der Forderung nach einer umfassenden Reform und Neudefinition dieser Organisationen einher.
  • Mehr Transparenz im Globalisierungsprozess ist von Nöten und hat besondere Bedeutung aus der Genderperspektive: Frauenorganisationen und – Gewerkschaften werden auf nationalstaatlicher Ebene oft durch patriarchalische Strukturen in der Artikulation ihrer Interessen gehinde
    rt und sogar unterdrückt, so dass es umso wichtiger ist, dass Frauen-NGOs auf internationaler Ebene Mitspracherechte haben.
  • Die Auswirkungen von Globalisierung auf die verschiedenen Geschlechter sind vielseitig und sehr verworren. Die GRÜNE JUGEND setzt sich für eine Differenzierung sämtlicher Statistiken, Erhebungen und Maßnahmen nach Geschlechtern ein.

vom 20. Mai 2007