Geschlechtergerechtigkeit auch in der Wirtschaft!

Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau hat sich in unserer Gesellschaft grundlegend verändert. Frauen planen heute, ebenso wie Männer, ihre Berufstätigkeit auf der Grundlage einer qualifizierten Berufsausbildung als selbstverständlichen Lebensbestandteil. Die berufliche Qualifikation der Frauen hat sich in den letzten Jahren stetig verbessert.

Noch nie zuvor hatten wir eine so gut ausgebildete Frauengeneration: 56,7% der AbiturientInnen sind weiblich, der Anteil der Studentinnen liegt bei 52% und Frauen schreiben im Durchschnitt die besseren Noten. Dieser Trend setzt sich bis heute im Berufsleben allerdings nicht fort. Hier besteht erheblicher Nachholbedarf. Mit einem Anteil von 3,5% Frauen in den Führungsetagen der Wirtschaft bildet Deutschland im Vergleich mit den europäischen Nachbarstaaten das Schluss-licht. Nur jeden dritten Doktorhut und jeden neunten Professorentitel trägt eine Frau. Auch im Handwerk sieht es nicht besser aus: nur eine Minderheit von 14,4% der 2002 bestandenen Meister war weiblich. Frauen sind häufiger und länger arbeitslos als Männer. Kurz: Frauen haben nach wie vor schlechtere Berufs- und Karrierechancen als Männer, auch wenn sie vielfach besser qualifiziert sind. Die GRÜNE JUGEND fordert hier eine klare Wende. Die Politik muss handeln!

Die richtige Wahl – beim Ausbildungsplatz

Wer glaubt, die Zeit werde das Problem schon richten, liegt falsch. Bei der Wahl der Ausbildungsplätze müsste heute ein anderer Weg eingeschlagen werden. Die Zahlen sind aber ernüchternd: noch immer landet die Mehrzahl der weiblichen Auszubildenden in einem der 10 meistgewählten Dienstleistungsberufe – in überwiegend von Frauen gewählten Berufen, verbunden mit eher unterdurchschnittlichem Lohn und geringen Aufstiegschancen. In den neuen IT-Berufen sind nur 14,3% der Auszubildenden weiblich. Die GRÜNE JUGEND fordert, Berufsberatung in zukunftssichere Ausbildung, welche die Palette von über 360 verschiedenen Berufen deutlich macht. So muss das Angebot von Berufspraktika, -erkundungen und -beratungen im Rahmen des Unterrichts ausgebaut werden. Die GRÜNE JUGEND setzt sich dafür ein, dass die Schulen dazu verpflichtet werden, ab der achten Klasse jedes Schuljahr eine mindestens zweiwöchige Praktikumszeit einzurichten. Hier sollen beide Geschlechter motiviert werden, auch in „untypische“ Berufe zu schnuppern. Die GRÜNE JUGEND begrüßt ausdrücklich den Girls-Day, an dem Mädchen und junge Frauen die Arbeitsplätze von PolitikerInnen, IngenieurInnen, MathematikerInnen, NaturwissenschaftlerInnen oder TechnikerInnen kennen lernen. Ziel ist es, sie zu motivieren sich für „frauenuntypische“ Berufsfelder zu entscheiden. Wir sehen aber auch: Es wird Zeit für einen Boys-Day. Wir erachten es als wichtig, auch den Jungen und jungen Männern ihr ganzes Potential vor Augen zuführen – mit Besuchen in sozialen Einrichtungen (z.B. Pflegeheim, Kindergarten) oder eher Frauen zugeschriebenen Berufsfeldern (z.B. Tierarzt/helferIn).

Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit – 100% für Frauen

Männer und Frauen verrichten häufig nicht die gleiche, sondern verschiedenartige Arbeit. Viele Berufe und Tätigkeiten werden überwiegend von den Angehörigen jeweils eines Ge-schlechts ausgeübt. Verschiedenartige Arbeit wie etwa die von ErzieherInnen und die von ElektrotechnikerInnen kann jedoch durchaus gleichwertig sein. Die GRÜNE JUGEND fordert, dass der Grundsatz gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit im Geltungsbereich des Bundes durchgesetzt wird. Noch überwiegend von Frauen gewählte Ausbildungsberufe (z.B. ArzthelferIn) müssen dabei endlich aufgewertet und wenigstens im öffentlichen Bereich angemessen entlohnt werden. Bei den Tarifparteien muss auf die zügige Umsetzung der EU-Richtlinie zur gleichwertigen Entlohnung gedrängt werden. Dabei ist vor allem auf Beseitigung der sog. mittelbaren Diskriminierung zu achten. Das Entgeltsystem muss in seiner Gesamtheit so beschaffen sein, dass Diskriminierungen aufgrund des Ge-schlechts ausgeschlossen werden.

Familie und Beruf – Balance statt Balanceakt

Die Balance von Familie und Erwerbsarbeit ist nicht nur ein gesellschaftliches Thema, sondern auch unter ökonomischen und beschäftigungspoltitischen Aspekten von Bedeutung. Eine familienfreundlichere Gestaltung der Arbeitswelt müsste im Interesse aller liegen. Am drängendsten empfinden dies Frauen, denn meist sind sie es, die einen Karriereknick im Anschluss an Kindererziehungszeiten zu bewältigen haben. Um Kindererziehung zur gemeinsamen Sache zu machen, fordert die GRÜNE JUGEND, dass 6 Monate der Elternzeit verpflichtend vom Vater genommen werden müssen (bei Eltern mit gemeinsamen Sorgerecht). Kommt der Vater dem nicht nach, verfällt für diesen Zeitrahmen die Elternzeitförderung (Ausnahmen in sozialen Härtefällen möglich). Deutschland kann es sich nicht länger leisten, (hoch) qualifizierte Frauen am Wickeltisch versauern zu lassen, weil es an Betreuungsmöglichkeiten fehlt. Für Alleinerziehende scheitert eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit oft an fehlenden Kinderbetreuungsangeboten. (Beispiel: Noch stehen nur für knapp 3% der westdeutschen unter 3-Jährigen Krippenplätze zur Verfügung. In den Ost-Bundesländern 36%.) Die GRÜNE JUGEND steht für einen beitragsfreien tatsächlich garantierten KiTa-Platz für alle Kinder von Geburt an. Gleichzeitig müssen Krippenplätze und sonstige Formen der Betreuung für Kinder zwischen null und drei Jahren massiv ausgebaut werden, damit junge Eltern und insbesondere Frauen weiterhin ihren Beruf ausüben können. Hier steht der Staat in der Verantwortung, funktionierende Strukturen und ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, um allen Eltern die Vereinbarung von Kindern und Berufstätigkeit zu ermöglichen.

Teilzeit nicht nur für Frauen – nicht länger in die Tasche lügen

Die GRÜNE JUGEND will die Frauenerwerbsquote erhöhen. Schön gerechnete 58,8% sind uns zu wenig (Männererwerbsquote 2002 71,9%). Mit steigender Frauenerwerbsquote steigt die Erwerbsquote insgesamt überproportional an, wie andere Länder es vorgemacht haben. Es werden so auch für Männer neue Jobs geschaffen. In Zeiten von Massenerwerbslosigkeit muss Schluss sein mit dem Märchen, Frauen würden Männer nur die Jobs wegnehmen! Bei der statistischen Berechnung der Frauenerwerbsquote wollen wir ehrliche Zahlen: Wie vielen hat ihr Einkommen zur selbstständigen Existenzsicherung gereicht? Durch Einbeziehung der Teilzeitkräfte werden momentan die Zahlen schön gerechnet. Die Masse der Teilzeitstellen sind mit Frauen besetzt. Die GRÜNE JUGEND fordert, das gesellschaftliche Bild von der „bösen Rabenmutter“, die arbeiten geht, zu verändern und Frauen mehr Handlungsspielräume zu eröffnen als lediglich Teilzeitarbeit.

Frauen an die Spitze – die „Gläserne Decke“ zum Einsturz bringen

Die „Gläserne Decke“, die nicht sichtbare aber vorhandene Trennlinie zwischen den unteren und mittleren Ebenen voller Frauen und den ausschließlich mit Männern besetzten Top-Führungsebenen wollen wir zerschlagen. Es kann nicht angehen, dass die Führungsetagen zur „Frauenfreien Zone“ erklärt sind. Die GRÜNE JUGEND fordert mehr Frauen in Spitzenpositionen. Wir sehen hier neben gezielter Frauenförderung z.B. über spezielle Trainee- und Mentoringprogramme, die Notwendigkeit für Mindestquoten z.B. angelehnt an die durch-schnittliche BewerberInnenzahl.

Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft – Goodwill reicht uns nicht

Eine konsequente betriebliche Gleichstellung führt nicht nur zu mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, sondern auch zu wirtschaftlichen Vorteilen für die Betriebe. Dem Arbeitsmarkt steht ein großer Pool gut ausgebildeter weiblicher Arbeitskräfte zur Verfügung. Außerdem beträgt die durchschnittliche Rendite frauen- und familienfreundlicher Maßnah-men 25%. Einige Unternehmen haben das Potential bereits erkannt und den Prozess zur Umsetzung der Gleichstellung begonnen. Andere stellen sich noch schlafend. Die Selbstverpflichtung der Wirtschaftsverbände und die Vereinbarung zwischen der Bun-desregierung und den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft zur Förderung der Chan-cengleichheit von Frauen und Männern reicht uns noch lange nicht. Die GRÜNE JUGEND sieht die Notwendigkeit für verbindliche Vorgaben.

Die GRÜNE JUGEND ford
ert daher die Bundesregierung auf, noch in dieser Legislaturperiode ein Gesetz zur Chancengleichheit von Frauen einzubringen, das in der Privatwirtschaft Anwendung findet. Dabei ist auf die Unterschiedlichkeit der Branchen und Betriebsgrößen Rücksicht zu nehmen. Daher soll es den ArbeitgeberInnen freigestellt sein, welche Maßnahmen sie aufgrund ihrer Beschäftigungsstruktur für ihren Betrieb als geeignet ansehen, um

  • die Unterrepräsentanz von Frauen, besonders in Führungspositionen, abzubauen
  • die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie für Männer und Frauen sicherzustellen
  • die Lohndiskriminierung von Frauen zu beenden
  • die Parität bei der Ausbildung von Auszubildenden sicherzustellen

Die Umsetzung von Handlungsfeldern (Anzahl abhängig von Betriebsgröße) ist aber verpflichtend. Weitere Handlungsfelder sind dabei u.a. familienfreundliche Arbeitszeiten und Maßnahmen für ein Klima von gegenseitiger Akzeptanz und gegen sexuelle Belästigung.

Nach 2 Jahren erfolgt eine Überprüfung, ob bestimmte Maßnahmen aus einem Katalog oder weitere genehmigte ergriffen wurden. Nach weiteren 2 Jahren wird überprüft, ob durch die Umsetzung die Ziele erreicht wurden. Betriebe, die die gesetzlichen Vorgaben erfüllen, sollen bevorzugt öffentliche Aufträge erhalten. Jene, die ihre Handlungsfelder innerhalb der ersten Phase nicht umsetzen, werden gesetzlich dazu verpflichtet eine Bestandsaufnahme zu machen und Gleichstellungsmaßnahmen treten gesetzlich in Kraft. Erfüllen die Betriebe die Anforderung innerhalb der zweiten Phase immer noch nicht, werden sie von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen, Entschädigungsansprüche von Beschäftigten und Verbandsklagerecht treten in Kraft.

Die GRÜNE JUGEND spricht sich darüber hinaus für ein freiwilliges Audit (Zertifikat) aus, vergleichbar dem Umwelt-Audit, das die Betriebe auch zu eigenen Werbezwecken einsetzen können.

Beschlossen auf dem Bundessausschuss am 15.02.2004 in Hamburg.