Essen auf den Teller, Kapitalismus in die Tonne! – Unser Aktionsplan Lebensmittelrettung.

Beschlossen auf dem 46. Bundeskongress in Dortmund

Hört endlich auf mit dem Müll!

Milchseen, Butterberge, Felder voll Elektroschrott, Müllhalden, Unmengen an
Plastik, das verbrannt wird oder in den Mägen von Fischen landet. Sie sind
Resultat eines massiven Rohstoffsverbrauchs, der vor allem den Wohlhabenden
dieser Welt zu Gute zukommen. Sie können durch die Ausbeutung unserer
ökologischen Grundlagen entstehen. Global gesehen müssen sich die nicht so
Wohlhabenden mit genau diesen Problemen herumschlagen. Sei es, dass die
Kleinbäuer_innen in Marokko nicht mit der EU-Butter konkurrieren können oder
die Ärmsten in den Ländern wie Ghana oder Nigeria den EU-Elektroschrott
zerlegen. Müll ist kein eigenständiges Problem, Müll ist nur ein Symptom für
das Versagen des kapitalistischen Systems.

Neben Plastikproblematik und Absurditäten wie geplanter Obsoleszenz – also dem
vorprogrammierten Ende von elektronischen Geräten und beabsichtigter Abnutzung
um Ersatzkäufe zu provozieren – sind wir tagtäglich Zeug_innen einer
phänomenalen Lebensmittelverschwendung.

Das Wegwerfen von Überschüssen lohnt sich finanziell nur, weil Tiere unter
widrigsten Umständen in qualvollen Tierfabriken gehalten werden und weil auf
Feldern und Plantagen Arbeiter_innen schlecht bezahlt und ausgebeutet werden.
Dies ist in weiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert.

Wir retten Lebensmittel!

Laut WWF sind allein in der BRD 18 Mio. Tonnen Lebensmittel vermeidbar – jedes
Jahr. Bis 2020 haben sich die Europäische Union und die Bundesregierung zum
Ziel gesetzt, Lebensmittelabfälle um die Hälfte zu reduzieren [1]. Um dies zu
erreichen, fehlt nicht nur die Datengrundlage zum Vergleich, für deren Fehlen
die Bundesregierung verantwortlich ist. Es fehlt auch an einer kohärenten
Strategien. Um bei diesem Ziel nicht bei bloßen Lippenbekenntnissen zu bleiben,
muss jetzt gehandelt werden!

Lebensmittelverluste existieren auf allen Stufen der Produktion und Verarbeitung
und können daher überall reduziert werden. Hier den Schwerpunkt auf
Aufklärung statt auf konkrete Maßnahmen zu setzen, wie dies die schwarz-rote
Bundesregierung macht, ist falsch. Es gaukelt vor, dass sich die
Verbraucher_innen nur anders verhalten müssen, um das Problem zu beheben, und
lenkt von der Verantwortung anderer ab. Agrarindustrie und
Lebensmitteleinzelhandel profitieren vom Konzept der Überproduktion und des
Wegwerfens. Die Marktlogik steht einem tatsächlichen Wandel im Weg. Um das zu
ändern, benötigt es klare politische Vorgaben. Die GRÜNE JUGEND fordert daher
einen „Aktionsplan Lebensmittelrettung“, der auf elf Punkten beruht, alle
Bereiche im Blick hat und auf staatlicher Regulierung gründet.

Vom Feld in die Tonne? Die Landwirtschaft in die Pflicht nehmen

1) Knapp 30 Prozent der weltweit verfügbaren Anbauflächen werden für
Lebensmittel genutzt, die letztlich im Müll landen. Landwirtschaftlichen
Betrieben ist untersagt, übrig bleibende Lebensmittel an Tiere zu verfüttern –
sie müssen entsorgt werden. Kreisläufe sollen möglichst vor Ort geschlossen
werden. Wir fordern daher die Aufhebung dieser Verordnung.

2) Normen für die Form und das Aussehen von Lebensmitteln führen laut BUND
dazu, dass 10% bist 50% der Ernte nicht in den Handel gelangt. Die zweite Hürde
für Lebensmittel besteht darin, die Prüfung durch Händler_innen zu
überstehen. Die Normierungen sollen Effizienz erhöhen – doch gleichzeitig
führen sie auch zur Verschwendung. Wir fordern daher das Aufheben dieser
Normierungen. Schuld trägt hier allerdings nicht die EU, die viele der
bestehenden Normierungen abgebaut hat, sondern vor allem die Händler_innen, die
noch immer an diesen festhalten.

3) Programme, die Lebensmittel direkt von den Produzent_innen an die
Verbraucher_innen bringen, müssen gefördert werden. Hierin liegt die Chance,
Bedürfnissen gerecht zu werden und unnötige Zwischenschritte auszulassen. Dazu
fordern wir, Modelle wie die sogenannten „Food Assemblies“[2] zu fördern.

Gutes Essen ohne Müll – für eine Gastronomie ohne Abfälle

4) Auch in der Gastronomie werden Lebensmittel verschwendet. Wir möchten dies
verhindern. Dafür müssen zwei unterschiedliche Kennzeichnungen geschaffen
werden. Eine Kennzeichnung beschreibt Lebensmittel, die gesetzlichen
Hygienebestimmungen entsprechen und für die der Gastronomiebetrieb in Haftung
genommen werden kann. Eine zweite Kennzeichnung gibt es für Lebensmittel, die
nicht mehr Hygienebestimmungen entsprechen und die auf eigene Gefahr hin
konsumiert werden können. Hierbei müssen das Datum der Bereitstellung des
Produkts, die bisherige Lagerung sowie die Inhaltsstoffe gekennzeichnet werden.
Die Lebensmittel dürfen nicht länger als einen Tag nach der Verarbeitung noch
weiter zur Verfügung stehen.

5) Restaurants, die bewusst mit „unperfektem“ Gemüse kochen, Abfälle
verwerten und besondere Maßnahmen zur Abfallvermeidung ergreifen, sollten
ausgezeichnet und steuerlich gefördert werden.

Was ist an diesem Markt super? – Die Verantwortung des Handels

6) In Frankreich müssen Supermärkte, die größer als 400 Quadratmeter sind,
ihre nicht verkauften Nahrungsmittel entweder an karitative Einrichtungen
spenden oder als Tierfutter bzw. Kompost recyceln. Das ist ein guter, erste
Schritt, aber hier muss mehr erreicht werden. Wir erkennen an, dass
Kompostierung und Tierfutter besser als der Müllberg ist. Es wäre jedoch
besser, wenn genießbare Lebensmittel auf dem Teller landen. Außerdem bedeutet
die Option der Spende an – oft ehrenamtlich organisierte – karitative
Einrichtungen eine Überlastung und eine Auslagerung der Entsorgungskosten.

Wir fordern daher, dass alle nicht verdorbene Lebensmittel, die aus dem Verkauf
genommen werden, gekennzeichnet und kostenlos in der Verkaufsstelle zur
Verfügung gestellt werden müssen. Karitative Organisationen, welche mehr als
24 Stunden zuvor ein Interesse bekunden, sollen bevorzugt werden.

7) Hierzu muss selbstverständlich die nötige Infrastruktur geschaffen werden
und die Umstellung benötigt Zeit. Für diese Übergangszeit fordern wir ab
sofort das sogenannte „Containern“, also das Retten von Lebensmitteln aus
dem Müll von Supermärkten, zu entkriminalisieren. Die Verfolgung von
Aktivist_innen und Menschen, die darauf angewiesen sind, muss beendet, Hürden
müssen beseitigt werden.

8) Es ist höchst problematisch, dass beispielsweise Bäcker_innen vertraglich
dazu verpflichtet werden, bis zum Ende der Ladenöffnungszeiten Backwaren in den
Regalen vorzuhalten – nur weil dies einen psychologischen Effekt auf die
Kund_innen hat. Dadurch werden große Mengen frischer Lebensmittel weggeworfen.
Wir fordern, dass diese Praktiken rechtssicher unterbunden werden.

9) Die GRÜNE JUGEND fordert eine Änderung der Haftbarkeit. Nicht nach
Mindesthaltbarkeitsdatum, sondern nach Verzehrdatum soll sich diese zukünftig
richten.[3] Zudem sollen Produkte mit langer Haltbarkeit nach niederländischem
Vorbild kein aufgedrucktes Datum mehr erhalten – Hartkäse oder Kaffee etwa.

Gemeinsam gegen Verschwendung – Wie privaten Lebensmittelabfälle begegnet
werden kann

10) Für eine neue Form der Wertschätzung von Lebensmitteln ist eine
Auseinandersetzung mit Herkunft, Produktion, Lagerung und Verwertung
unabdingbar. Wir fordern: Mehr praktischer und theoretischer Unterricht mit
Blick auf Ernährung und Lebensmittel an den Schulen.

11) Vor allem fordern wir jedoch die Förderung von Foodsharing-Projekten und
die Installation von Kühlschränken und Regalen im öffentlichen Raum, die die
Abgabe und den Tausch von Lebensmitteln ermöglichen. Eine Kultur des Tauschens
und des Einander-Abgebens kann so unterstützt werden.

12) Außerdem fordern wir die Förderung des Verkaufs von losen und unverpackten
Lebensmitteln und rechtlichen Rahmenbedingungen zur Beschaffung unverpackter
Lebensmittel zu vereinfachen. So werden nicht nur umweltschädlicher
Verpackungsmüll und Ressourcen gespart, sondern auch weniger Lebensmittel
weggeworfen, da die Verbraucher_innen mehr Lebensmittel in den für sie
benötigten Menge einkaufen können.

Für eine faire Welt – ohne Hunger und ohne Müll

Lebensmittelverschwendung ist kein Schönheitsfehler eines funktionierenden
Systems. Es ist eine Verschwendung von Boden, von Dünger, von Zeit, von Energie
in Transport und Kühlung, von Plastik, Aluminum und Blech für die
Verpackungen, von Müllentsorgungskapazitäten.

Wir nutzen für unseren Konsum Boden, Wasser und Ressourcen in Gebieten, die
eben diese Ressourcen eigentlich dringend benötigen. Um neues Land für die
industrielle Lebensmittelproduktion zu erschließen, eignen sich Konzerne und
Staaten oftmals Flächen unrechtmäßig an und verletzen die Gewohnheitsrechte
lokaler Bevölkerungen. Unregulierter Freihandel zerstört regionale
Handelsstrukturen in Ländern des Globalen Südens und entziehen großen Teilen
der Bevölkerung die Lebensmittelgrundlage.

Dem Globalen Norden kommt hier eine zentrale Verantwortung zu. Die Vermeidung
von unnötiger Überproduktion trägt hier einen Teil dazu bei, eine bessere
Welt zu schaffen.

Wir wollen Lebensmittel retten und gleichzeitg regionale Wirtschaftskreisläufe
und bäuerliche Landwirtschaft vorantreiben, die eine wirkliche Lösung für
dieses Problem darstellen. Wir wollen Kreisläufe schließen. Unser „Aktionsplan
Lebensmittelrettung“ ist ein erster Schritt in diese Richtung.

[1] www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/2013/154-Bilanz_ Zu-gut-fuer-die-
Tonne.html

[2] Hier wird an festgelegten Orten für ein paar Stunden die Woche eine Art
Wochenmarkt veranstaltet. Dort verteilen vorwiegend regionale Erzeuger_innen
Lebensmittel an Kund_innen, die diese zuvor im Internet bestellt haben.

[3] Das MHD gibt an, bis zu welchem Termin ein Lebensmittel bei sachgerechter
Aufbewahrung (insbesondere Einhaltung der im Zusammenhang mit dem MHD genannten
Lagertemperatur) auf jeden Fall ohne wesentliche Geschmacks- und
Qualitätseinbußen sowie gesundheitliches Risiko zu konsumieren ist. Das
Verzehrdatum wird bei leicht verderblichen Speisen angegeben und nennt ein
genaues Verfallsdatum.