Du Psycho

Beschlossen auf dem 42. Bundeskongress

Die Folgen psychischer Krankheiten gehören für viele zum Alltag. Oft werden sie erst spät diagnostiziert, da zum einen bei vielen Betroffenen kein [Bewusstsein] über einen möglichen Zusammenhang der Symptome vorhanden ist, gleichzeitig psychische Erkrankungen in vielen Gesellschaften nicht als ernste Krankheiten angenommen werden. Deshalb sprechen viele Betroffene aus Angst vor Stigmatisierung selten über ihre Krankheiten. Die Diskriminierung wirkt dabei auf sehr verschiedene Weisen: Betroffene werden entmündigt oder auf ihre Krankheit reduziert, oft führt sie dazu, dass die Situation und der Leidensdruck noch verschlimmern. Dabei sind psychische Erkrankungen längst nicht so selten und fern, wie die gesellschaftliche Vorstellung oft postuliert. Im Laufe des Lebens sind z.B. ca. ein Viertel der Menschen von depressiven Krankheitsbildern oder Angststörungen betroffen. Als GRÜNE JUGEND möchten wir ein Umdenken in der Gesellschaft mit anstoßen. Es ist nicht förderlich für Menschen mit Beschwerden, wenn ihnen mit Schuldzuweisungen und Unverständnis entgegnet wird. Auch nicht gesellschaftlichen Normen entsprechendes Verhalten wird häufig auch als Folge psychischer Erkrankungen dargestellt, obwohl dafür keinerlei empirische Grundlage existiert. Dies hilft weder Betroffenen, noch macht es eine Gesellschaft inklusiver. Daher braucht es eine umfassende Sensibilisierung und Aufklärung über psychische Krankheiten. Das Erfahren über psychische Krankheiten muss Teil von Schule und Ausbildung werden. So hoffen wir mehr Akzeptanz und Verständnis zu fördern.

Als GRÜNE JUGEND fordern wir deshalb, dass

•die Aufklärung über psychische Krankheiten in Lehrplänen fest verankert werden.

•es sollen regelmäßig Informationskampagnen für die breite Öffentlichkeit gestartet werden, um das Thema präsent zu halten.

Psychosomatischen Krankheiten werden im medizinischen und vor allem im gesellschaftlichen Umfeld immer noch viel zu oft als nichtig abgetan. Ist keine körperliche Ursache zu erkennen, hat der Mensch (gesellschaftlich gesehen) ”eigentlich nichts.” – auch wenn eine hohe psychische Belastung und auch ein körperliches Symptom deutlich erkennbar sind.

Auch wenn ein langsames Umdenken in der Fachwelt vonstatten geht, werden vor allem somatoforme Krankheitsbilder oft nicht erkannt und auch in medizinischen Kreisen als Hypochondrie angetan. Hier bedarf es weiterer Erforschung und Sensibilisierung des Fachpersonals.

Doch auch strukturelle Diskriminierung hindert viele Betroffene adequate Hilfe zu bekommen.”

Menschen, die eine ambulante psychologische/psychotherapeutische Behandlung wollen, müssen deutlich längere Wartezeiten in Kauf nehmen. Wir lehnen die Kontingentierung von psychotherapeutischen Behandlungen ab, wenn das für Betroffene bedeutet ihren Anspruch auf therapeutische Behandlung zu verlieren, wenn die bewilligten Therapiestunden aufgebraucht sind. Es muss einen einfachen Zugang zu weiteren Stundenkontigenten geben, wenn die Indikation durch die behandelnde Therapie weiter festgestellt ist. Dies liegt daran, dass es nicht genug Kassenärzt*innen-Plätze für Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen und daraus folgend nicht ausreichend Behandlungsplätze für gesetzlich Versicherte gibt.

Als GRÜNE JUGEND sehen wir eine psychologische Grundversorgung, die flexibel und schnell verfügbar ist, als ein Grundrecht an. Menschen dürfen nicht mit ihren Leiden alleine gelassen werden, bloß weil die gesellschaftliche Bewertung dazu tendiert, diese Leiden nicht als lebensgefährlich und deshalb minderer Priorität einzustufen.

Des Weiteren fehlt vielen Menschen der Zugang zur Psychotherapie. Dies kann durch ein bedarfsdeckendes Angebot an Schulen, Hochschulen und Unternehmen geändert werden. Darunter fällt auch eine Stärkung des psychotherapeutischen Angebotes in anderen Sprachen als Deutsch. Die Zulassungshürden für Therapeut_innen mit ausgewiesenen muttersprachlichen Sprachkompetenzen sind stark abzusenken. Aber nicht nur ambulant, sondern auch stationär gibt es zu wenig Plätze. Dies liegt vor allem daran, dass stationäre Einrichtungen Gewinn machen müssen.

Die GRÜNE JUGEND fordert daher, dass…

  •  die Anzahl der zugelassenen Plätze für Therapeut*innen und psychiatrische Kliniken bedarfsdeckend gestaltet wird dies gilt auch für therapeutische Einheiten an Schulen, Hochschulen und Unternehmen.
  • die Wartezeit für eine fortlaufende ambulante psychologische/psychotherapeutische Behandlungen deutlich reduziert wird.
  •  In öffentlichen Einrichtungen sollen zudem verpflichtende Stellen geschaffen werden, die eine psychologische Grundversorgung stellen. Die Anzahl dieser Stellen soll an Mitarbeiter*innenzahlen orientiert sein.
  •  Die Ergänzung der Bedarfsplanungs-Richtlinie um Sprachkompetenz. Außerdem soll die Gewährleistung einer Verständigung in einer nichtdeutschen Muttersprache zum Leistungsumfang der Krankenkasse hinzugefügt werden.

Wird angezweifelt, dass eine neu geplante Klinik genug Gewinn macht, wird sie nicht umgesetzt. In den bestehenden Einrichtungen wird nur ein Minimum an Personal und Betten zu Verfügung gestellt und somit auch nur eine begrenzte Anzahl an Patient*innen aufgenommen. Daraus folgt, dass oft nur privat Versicherte und psychische Härtefälle aufgenommen werden. Gesetzlich Versicherte, von denen keine Gefahr (für sich selbst oder andere) ausgeht, müssen mit teils sehr langen Wartezeiten rechnen.

Die GRÜNE JUGEND fordert daher, dass…

die Ausstattung und das Personal in psychiatrischen Kliniken bedarfsorientiert gestaltet und eingesetzt werden,

mehr öffentliche Stellen für Menschen mit (evtl. nicht weiter bestimmten) psychischen Problemen eingerichtet werden, die schnellstmöglich psychologische Beratung und auch Vermittlung (oder Hilfe bei der Suche nach einer Behandlung) anbieten,Betroffene können hier, wenn nötig, über weitere (meist für Unerfahrene nicht überschaubare) Behandlungsmöglichkeiten informiert werden.

Psychopharmaka verschreiben dürfen soll nicht nur Berufsstand der Mediziner_innen, sondern soll durch entsprechende Ausbildung legitimiert werden. Psycholog_innen mit einer pharmakologischen und psychiatrischen Ausbildung sollen diese auch selbstständig verschreiben dürfen. Im Rahmen psychiatrischer Behandlungen gegen den Willen des Betroffenen (z.B. durch Medikamente) kommen. Eine solche Behandlung ohne gerichtliche Genehmigung stellt einen Fall von Körperverletzung und Freiheitsberaubung dar; solche Fälle wollen wir durch eine gezielte Präventionsarbeit verhindern. Kurzfristige Maßnahmen könnten ein erweitertes Bildungsangebot zur Sensibilisierung des Personals sein Langfristig ist eine gänzliche Evaluierung der Präventionsmaßnahmen notwendig.

Psychische Krankheiten vor dem Gesetz

Selbst vor dem Gesetz werden Menschen mit psychischen Erkrankungen ihre Grundrechte nicht gewährt. Es häufen sich die Gerichtsurteile, bei denen Patient*innen die Akteneinsicht (also ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung) verweigert wird.

Spezialisierte Staatsanwaltschaften und Beratungsteams, könnten solche Situationen fachlicher bewerten und so bestehende Diskriminierung verringern. Des Weiteren könnten Betroffene in ihren Rechten gestützt werden, indem sie ausführlich darüber informiert werden würden, welche Rechte ihnen zustehen und wie sie zu diesem Recht kommen. Es darf keine Praxis mehr sein, Menschen – egal ob krank oder nicht – die Grundrechte abzuerkennen!

Die GRÜNE JUGEND fordert daher, dass…

  •  Patient*innen im stationären Umfeld auf Anfrage ausführliche Auskunft über die angeordneten Medikamente gegeben wird,
  •  Patient*innen, die offiziell zur Selbstbestimmung fähig sind, keine Medikamente mehr verabreicht werden, wenn sie diese ablehnen,
  •  der in jeder Kommune ansässige Sozial Psychiatrische Dienst (SPDi), der den vorhandenen Bedarf zumindest nicht decken kann, gefördert und ausgebaut wird, um so die partiell bedarfsdeckende Beratung für Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihre Angehörigen zu gewährleisten. Dabei geht es uns nicht nur um den Ausbau des Beratungsangebots, sondern auch um die Bekanntmachung der Existenz des Angebots.
  •  für die Mitarbeiter*innen in psychiatrischen Kliniken regelmäßig Schulungen zum Thema Selbstbestimmungsrecht der Patient*innen stattfinden, in denen sie auf die Problematik aufmerksam gemacht werden,
  •  spezialisierte Gerichte mit fachlichen Beratungsteams, die ein ausgeprägtes Wissen im Bereich der körperlichen, psychischen und geistigen Erkrankungen aufweisen, eingerichtet werden,
  •  Diese Gerichte haben zusätzlich zur Bearbeitung aktueller Fälle den Auftrag, vergangene Urteile, die wahrscheinlich auf veralteten Kriterien beruhen, erneut zu prüfen und gegebenenfalls Betroffene zu entschädigen.

Therapeutische Ausbildung

Wir fordern eine Reformierung der therapeutischen Ausbildungen. Ungeachtet der vielen verschiedenen Therapieansätze sollen Therapeut_innen grundlegende Kenntnisse und einen sensibilisierten Umgang mit Interkulturalität, Geschlecht, Klasse, Rassismus und weiteren gesellschaftlichen Diskriminierungsformen haben. Sie sollen sich mit ihrer eigenen Position als zukünftige_r Therapeut*in kritisch auseinandergesetzt haben. Derzeit sind in Deutschland nur drei Formen der Psychotherapie zugelassen. Es gibt jedoch viele weitere effektive Therapiemethoden, die in vielen anderen Ländern erfolgreich Anwendung finden. Nicht jede Therapieform kann jede psychische Krankheit gleich gut behandeln, und nicht jede Therapie ist gleicht gut für verschiedene Persönlichkeiten. Die Wirksamkeit von Therapien lässt sich durch eine Vielzahl an Wirkfaktoren bestimmen. Deshalb sollen die Zulassungsverfahren auf die Zuhilfenahme weiterer Wirkfaktoren geprüft werden. Zudem sollen weitere Therapieformen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist, schneller und einfacher zugelassen werden. Die Ausbildung als Psychotherapeut_in ist mit mit hohen Kosten verbunden, die jedoch in Kauf genommen werden müssen, um diesen Beruf auszuführen. Wir fordern, dass solche Ausbildungen mit elternunabhängigen Bafög unterstützt werden können.

Psychische Erkrankungen in der GRÜNEN JUGEND

Auch in der GRÜNEN JUGEND gibt es Menschen mit psychischen Krankheiten. Wir wollen unserer Strukturen möglichst inklusiv gestalten, um allen Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen gleichermaßen Zugang und Teilhabe zu ermöglichen.

Begründung:

Dieser Antrag wurde in Thüringen in dieser und vorher in NRW in leicht anderer Form beschlossen. Mit dem Thema Psychischen Krankheiten deckt er ein Themenfeld ab, zu dem wir auf Bundesebene noch keine Beschlusslage haben.