Drogen

Wahlkampfbus Bayern:

I. Kiffen

Pinguin, Pinguin, wenn ein Aktivist oder eine Aktivistin eine ganze Woche in diesem Kostüm steckt und sich von der Sonne bescheinen läßt, dann kann das nicht gut für das Wohlbefinden der jeweiligen Person sein. Es sei denn, man kühlt sich gut ab.

Unsere neuen Freunde aus diesem Kreisverband hatten uns so viel Eis besorgt, daß wir die ganze Woche damit ausgekommen würden, aber leider können wir das Eis nicht mitnehmen. Also schütten wir das ganze Eis auf den Boden vor unseren Infostand, bearbeiten es noch etwas mit dem Hammer aus dem Werkzeugkasten, den wir bisher noch nicht gebraucht hatten, und stellen den Pinguin auf das Eis. Das sieht viel besser aus und wird auch viel leichter verstanden als die wenigen Eiswürfel, die der Pinguin normalerweise in einem Meßbecher durch die Fußgängerzone trägt.

‚“Schau mal, eine Ente!‚Ä?, Ein Bub zeigt auf den Pinguin und zieht an der Hand seiner Mutter. Der Pinguin schreit zurück: ‚“ICH BIN EIN PINGUIN!‚Ä?

Der Direktkandidat verabschiedet sich vom Infostand. Er muß noch einige Fragen beantworten, die ein evangelischer Verein ihm zu seinem Verhältnis zu den zehn Geboten gestellt hat.

Ein Rentner fragt Anna-Lena, ob das ein Erpel oder eine Ente ist. Der Pinguin schreit: ‚Ä? ICH BIN EIN PINGUIN!‚Ä? Zwei junge Frauen im Dirndl kommen vorbei und sehen das Schmelzwasser unter dem Pinguin hervorlaufen. ‚“Sie können wohl das Wasser nicht halten!‚Ä? schimpfen eine der beiden.

Der Pinguin ist genervt. Das Kostüm gehört einfach nicht in die Waschmaschiene. Selbst bei einem Waschversuch mit einfachem, kaltem Wasser färbte der schwarze Stoff sehr stark ab.

Ein langhaariger Sechzehnjähriger nähert sich. Der Pinguin winkt ihn heran. Mit der Hand, die frei ist, da er kein Eis halten muß, greift er in seine Hosentasche, kramt ein kleines Plastiktütchen hervor und reicht es dem Jugendlichen. ‚“Was ist das?‚Ä? fragt dieser zurück. ‚“Das ist leer‚Ä?, antwortet der Pinguin. ‚“Und was soll ich da rein tun?‚Ä? Der Pinguin winkt den Burschen etwas näher heran und tut geheimnisvoll. Er flüstert: ‚“Haschisch!‚Ä? ‚“Sehr witzig,‚Ä? sagt der Langhaarige, steckt sein Tütchen ein und geht weiter.

Georg gibt einem Rentner ein Tütchen. Etwas verwirrt betrachtet er sein Give-Away im weitergehen. nach ein paar Schritten kehrt er um und tipt Georg noch mal an. ‚“Kannst du mir noch ein paar mehr davon geben? Ich brauch‚Äô sowas.‚Ä? Ja, selbstverständlich!

Da kommt aber schon Franz, der Lastwagenfahrer. Er hat eine Sondererlaubnis und darf durch die Fußgängerzone fahren. Der Pinguin muß weichen.

Franz hat seinen Führerschein im Lotto gewonnen, vielleicht hat er auch gar keinen. Ein Anzeichen spricht auch dafür, daß er bekifft ist: Das Schild, das uns, im Stil eines Autokennzeichens gefertigt, den Namen des Lastwagenfahrers anzeigt, ist nicht einfach nur weiß mit schwarzen Buchstaben. Der Hintergrund ist regenbogenfarben.

Franz gelingt es nicht, dem einzigen Eishaufen, der zu dieser Jahreszeit in der Fußgängerzone liegt, auszuweichen. Der breite Reifen seiner Kamionette macht unser Eis fast zunichte.

II. Saufen

Ein Haufen Rentner und Rentnerinnen steigt in Ipsheim aus einem Sonderzug. Schnurstracks machen sich die alten Damen und Herren, einige davon in Begleitung ihrer Enkelkinder, auf dem Weg zu einem nahen Infostand, der unter einem Appollinaris-Schirm steht, und dann gehen sie in einer großen Gruppe einen Feldweg entlang. Ein kleiner ‚“Zug‚Ä?, gezogen von einer Art Traktor, voll mit Rentnern fährt auf der Straße auf den Bahnhof zu, biegt dann aber in den Feldweg ein.

Wir wundern uns etwas. Welche Partei hat Appollinaris-Schirme?

Der hiesige Kreisverband besteht aus drei Frauen mit sonnigem Gemüt und Ben, einer Mischung aus Chao-Chao aus Schäferhund. Sie klären uns auf: heute ist Weinwandertag, da kommen ganz viele Leute aus der ganzen Umgebung, sogar Nürnberger, nach Ipsheim, gehen auf den Weinberg und lassen sich mit Frankenwein vollaufen. Da gehen wir jetzt auch hin.

Wir nehmen eine Kiste voll Material, Fabian zieht das Pinguin-Kostüm an und wir besteigen den Weinberg. Als wir in etwa die Hälfte geschafft haben, fahren drei Busse von der Jungen Union an uns vorbei. Sebi und der Frau, die tragen hilft, werden die Arme schwer. Da entscheiden unsere Gastgeber ganz spontan, daß es besser gewesen wäre, mit dem Bus zu fahren. Also kehren Sebi und eine der Frauen um und holen den Vito und das Auto.

Der Rest geht derweil weiter auf den Weinberg hinauf. Beim nächsten Appollinaris-Infostand biegen wir rechts ab und von nun an kommen uns in zwei Minuten mehr Leute entgegen, als in den Fußgängerzonen der Dörfer, in denen wir die letzten Tag waren, während einer ganzen Stunde. Oben treffen wir die anderen plus Uwe, der steckt einen GRüNEN-Schirm etwas provisorisch in einen Gullideckel und Karl stellt sich im Pinguin gegenüber in den Schatten.

Wir werden in den nächsten zwei Stunden etwas erleben, was wir so noch nie erlebt haben. Dabei werden wir ungefähr 600 SPUNKs an die ‚“Wanderer‚Ä? verteilen. Die meisten davon sind Rentner, und es ist anzunehmen, daß sie die überschrift ‚“It‚Äôs gettin‚Äô hot in here‚Ä? gar nicht verstehen. Aber das macht nichts, meint Sebi, denn der SPUNK ‚“ist eine Jugendzeitschrift‚Ä?.

Viele Passanten sind bereits gegen 13.00 schwer angetrunken und so erfahren wir viel über uns selbst.

Die GRüNEN:

– Waren gegen die Wiedervereinigung und sollten das geeinte Deutschland deshalb auch nicht regieren.

– Sind an der Wiedervereinigung und damit an dem ganzen Schlamassel schuld.

– Kommen alle aus dem Osten und machen daher die deutsche Demokratie kaputt.

Komischerweise hält niemand der besoffenen den Pinguin für eine Ente. Allerdings vermeinen einige, einen Geist zu sehen und finden das unglaublich lustig. Viele finden den Pinguin nur sehr süß und zwicken ihn neckisch in den Bauch oder legen ihm eine Hand auf die Schulter.

Während das dem Pinguin nicht ganz geheuer ist, ist der Kreisverband bestens vorbereitet: Unsere Flyer werden den Passanten als ‚“Ansichtskarten mit Pinguin‚Ä? angeboten und der Klimawandel führt, so die Besitzerin von Ben, dazu, daß ‚“das Bier auch nichtmehr richtig kalt wird‚Ä?.

Gegen 15.00 werden die Beschimpfungen immer schlimmer, die Diskussionen immer unsinniger und wir haben keine SPUNKs mehr. Sebi und Anna-Lena beschließen, von nun an die Flyer mit dem Thema Homosexualität zu verteilen, weil die ganz besonders gut zu weinseligen Rentnern und Rentnerinnen passen.

Am Ende verlassen sie den Weinberg allerdings doch so schnell, daß der Pinguin nichtmehr Schritt halten kann. Etwas hinter den anderen marschiert er den Weinberg hinab und hält dabei sein Schild hoch. Ein etwa 40-jähriger, betrunkener Passant erkennt, daß marschieren und ein Schild dem Pinguin Demonstrationscharakter verleiht. Er hält seinen Pinguinflyer in die Luft und marschiert mit großen Schritten hinter dem Pinguin her.

III. Ein Vergleich

Wir hatten uns etwas verschätzt, und weil selten ein Fehler allein kommt, auch noch zweimal verfahren. Daher kommen wir etwas verspätet auf den Gillamoos, dem nach dem Oktoberfest in München und dem Gaubodenfest in Straubing drittgrößten Volksfest Bayerns, (Georg: ‚“fast so groß wie die Bergkirchweih in Erlangen!‚Ä?) an. Hier sprechen heute gleichzeitig in verschiedenen Bierzelten Jürgen Tritin, Günther Beckstein, Guido Westerwelle und Franz Müntefering.

Am Eingang trifft der Pinguin die JUler vom Vortag wieder. Die JU ist auch auf Hochtouren. Ihr Bus hat ein Passauer Kennzeichen. Sie geben ihm ein Bierdeckel, auf dem nicht etwa ein Steuersystem erklärt, sondern ein CSU-Mitgliedsantrag aufgedruckt ist und einen JU-Stift mit.

Wer weiß, woran es liegt, aber wenn man einen JuLi trifft, dann grinst man ironisch und der JuLi grinst auch ironisch, und auch wenn es Jusos gibt, die Ironie nur schwer verstehen, so gehören wir doch mit ihnen in das selbe politische Lager. Aber wenn man JUler trifft, dann sind die meistens betrunken, gegen Argumente resistent und unangenehm angriffslustig.

Die JU war mit einer ganzen Hundertschaft da, und es ist Absicht, daß hier ein Wort aus dem militärischen Bereich steht.

Wir hören noch die letzten Absätze der Rede unseres Bundesumweltministers, der voll Energie gegen die Grundlautstärke eines ganzen Bierzelt anbrüllt und sich trotz Microphon bereits etwas heiser anhört. Er beendet die Rede mit ‚“Prost!‚Ä?.

Danach muß er noch ein paar Interviews für das Lokalradio und den Bayerischen Rundfunk geben und leider verschwindet er daraufhin zu schnell, um noch ein Photo mit dem Pinguin zu machen.

Daraufhin gehen Fabian und der Schorsch (so heißt Georg, seit wir die Donau überquert haben) in das Zelt, in dem gerade Beckstein die Bühne verläßt, um Tütchen zu verteilen. Unerwarteterweise kommen die Tütchen gerade bei Becksteins Anhängern besonders gut an. ‚“Wir rocken das Bierzelt.‚Ä? nennt der Schorsch das.

Wir verteilen mal wieder viel zu viele SPUNKs, während wir die Pinguinaktion durchführen. ‚“Erhängt die Grünen, solange es noch Bäume gibt‚Ä?, schreit man uns zu, aber das ist ernst gemeint, denn man merkt, daß dieser Person einfach nichts besseres eingefallen ist, er uns aber trotzdem anschreien wollte.

Vor dem Zelt, in dem Jürgen gesprochen hat, trifft der Pinguin zwei lokale JUler mit je einem blauen Schild mit der Aufschrift ‚“Wechsel! Jetzt!‚Ä?. Der Pinguin lüpft die Maske und bittet um eins dieser Schilder. ‚“Nein! Du machst es nur kaputt! Scheiß Grüne!‚Ä? sagt der eine JUler (grobe übersetzung aus dem Niederbayerischen). ‚“Ich mach‚Äô es nicht kaputt. Ich heb‚Äôs auf für die nächste Landtagswahl‚Ä?, grinst Karl unter der Maske hervor. Die beiden verstehen die Anspielung nicht. ‚“Da ist ein Autogramm vom Beckstein drauf‚Äô, das geben wir nicht her. Das ist mein fünftes,‚Ä? erklärt der JUler, ‚“seit vier Jahren gehen wir jedes Jahr auf den Gillamoos zum Beckstein und holen uns ein Autogramm.‚Ä? ‚“Ich wähle das nächste mal NPD‚Ä?, sagt der andere, völlig ohne Zusammenhang.

Die NPD hatte an jedes Auto auf dem Parkplatz einen Flyer gehängt und einigen JUlern gefällt das scheinbar sehr gut. Unseren Vito haben sie ausgespart.

Fabian gibt einem jungen CSU-Anhänger einen Drogenflyer. Die GRüNE JUGEND ist für die Legalisierung aller Drogen. Aber dieser Bursche denkt erstmal nur an Haschisch. ‚“In Holland funktioniert das ja auch nicht‚Ä?. Fabian: ‚“In Holland funktioniert das. Und sogar die Gewerkschaft der Polizei ist dafür.‚Ä? ‚“Die sind doch auch nur deshalb dafür, weil sie dann weniger arbeiten müssen‚Ķ‚Ä?

Später, nach einer kurzen Mittagspause, versuchen wir uns noch im Sträflingsanzug im SPD und im CSU Zelt.

‚“Die Künast gehört erschossen!‚Ä? bemerkt ein Bauernsohn gegenüber Schorsch.

Jetzt ist es aber so, daß der gute Georg, nur weil wir ihn mehr oder weniger konsequent Schorsch nennen, noch lange kein Bayerisch versteht. Zwar konnte sich unser Berliner im Laufe seines ersten Semesters in Erlangen schon etwas an leichtes Fränkisch gewöhnen, aber auch dort hat er noch Probleme, wenn die Franken ‚“so richtig loslegen‚Ä?. Zwei Stunden Fahrt nach Süden versetzen ihm einen Kulturschock.

‚“Renate Künast ist ein Schaf,‚Ä? schimpft er weiter, ‚“wenn ihr die nicht hättet, würden euch viel mehr Leute wählen. Wie könnt ihr solch ein Schaf zur Ministerin machen! Arschloch!‚Ä?

Der Schorsch versteht zwar nicht alles, ist aber von den vielen Leuten in Lederhosen und Dirndln total fasziniert.

Aus dem Zelt, in dem Beckstein sprach, wollen sie uns im ersten Moment mit Gewalt wieder vertreiben. Viele Leute nehmen auch unsere Flyer nicht, weil wir von den Grünen sind. ‚“Arbeitsplatzvernichter!‚Ä? schreit ein besoffener JUler Karl an. Es ist seltsam, daß er dieses lange und komplizierte Wort noch sagen kann.

Georg einigt sich mit zwei anderen, anfangs etwas aggressiven JUlern darauf, daß eine große Koalition nicht gut wäre und verabschiedet sich mit einem warmen Händedruck.

Die Stimmung bleibt bierselig und leicht aggressiv. Aber unsere Tütchen kommen bei der Jungen Union viel besser an, als ihre Bierdeckel bei uns. Der Vergleich fällt positiv aus. Legalize it.

vom 5. September 2005