Den Berufsstand der Hebammen und Entbindungspfleger_innen sichern – für die freie Wahl der Geburt

Hebammen und Entbindungspfleger_innen sind ausgebildete Fachkräfte, sie betreuen Frauen* und ihre Familien in der Schwangerschaft, während der Geburt und in der Zeit danach. Ihre Arbeit ist wichtig für eine selbstbestimmte und sichere Geburt. Aber auch in der Vor- und Nachsorge – also in einer für Familien sehr anspruchsvollen Zeit – übernehmen sie bedeutende Aufgaben. Sie gewährleisten außerdem das Recht der Schwangeren, über das ”wie” und ”wo” der Geburt selber zu entscheiden. Die freie Wahl der Geburt – ob im Krankenhaus, Zuhause oder im Geburtshaus – ist im Sozialgesetzbuch festgeschrieben. Allerdings haben die Hebammen seit Jahren mit Problemen zu kämpfen, die die Ausübung ihres Berufes fast unmöglich machen: Ungerechte Entlohnung und hohe Versicherungssummen erschweren die Arbeit zusehens. Und nun hat auch noch die letzte Versicherung angekündigt, aus dem Geschäft im nächsten Jahr auszusteigen.

Bereits seit einigen Jahren steigen die Versicherungsprämien. Vor zehn Jahren musste eine freiberufliche Hebamme bzw. ein_e freiberufliche_r Entbindungspfleger_in in der Geburtshilfe ungefähr 450 Euro im Jahr für die Versicherung zahlen, momentan sind es 4200 Euro und im Juli diesen Jahres steigt die Prämie noch einmal auf etwa 5000 Euro pro Jahr. Der Grund für die steigenden Prämien sind aber nicht vermehrte Schadensfälle, sondern die Schadenshöhe im Einzelfall. Das Problem der steigenden Prämien ist seit Jahren bekannt – die Politik aber hielt sich größtenteils raus. Viele Hebammen und Entbindungshelfer_innen haben in den letzten Jahren daher bereits ihren Beruf oder zumindest die Geburtshilfe aufgeben müssen, weil auch die Entgelterhöhungen durch die Krankenkassen aufgrund der höheren Prämien nicht ausreichten den Beruf wirtschaftlich weiter auszuüben. So lohnt es sich gerade für Hebammen nicht, die nur wenige Geburten betreuen und außerdem traten die Entgelterhöhungen immer erst nach langen Verhandlungen zeitverzögert in Kraft. Auf der anderen Seite profitieren nur diejenigen, die viele Geburten begleiten. Nachdem sich der Versicherungsmarkt in den letzten Jahren bereits stark dezimiert hat, hat nun auch noch die Nürnberger Versicherung, die letzte verbliebene Versicherung, angekündigt, ab Juli 2015 keine Versicherungstarife für Hebammen und Entbindungshelfer_innen in der Geburtshilfe mehr anzubieten. Das bedeutet, dass ab Juli 2015 keine freiberuflichen Hebammen und Entbindungspfleger_innen mehr in der Geburtshilfe tätig sein können. Beleggeburten sowie Haus- und Geburtshausgeburten sind dann nicht mehr möglich. In vielen Bundesländern ist außerdem die gesamte Hebammenversorgung in den Krankenhäusern betroffen, weil nicht überall die Hebammen festangestellt werden. In Deutschland sollen aber alle Geburten aus gutem Grund von einer Hebamme oder einem_r Entbindungspfleger_in geleitet werden – dies ist gesetzlich auch so vorgesehen. Jetzt muss also endlich politisch gehandelt werden!

Dabei kommen die Ausgleichszahlungen der Krankenkassen für die Haftpflichterhöhungen nicht allen Hebammen und Entbindungspflegern_innen gleichermaßen zugute.Es profitieren diejenigen, die viele Geburten begleiten, anstelle von einem Ausgleich an den Stellen, an denen ein Mehrkostenaufwand tatsächlich vorhanden war.

Dabei bleibt die Anzahl von Schadensmeldungen bei der Geburtenhilfe und von Schadensersatzanzeigen seit Jahren auf dem selben Niveau. Nur ein geringer Anteil dieser Meldungen bringt übrigens schwerwiegende Folgeschäden (und -zahlungen) mit sich, diese Handhabe ist also in ihrer Struktur ungerecht. Während das Versicherungsrisiko also stagniert, steigen die zu leistenden Gebühren horrende, in den letzten 10 Jahren z.B. haben sie sich fast verfünffacht. Da der Versicherungsmarkt sehr dezimiert ist, haben in der Geburtshilfe tätige Menschen meist kaum eine Wahl, entweder sie gehen eine teils unwirtschaftlich teure Berufshaftversicherung ein oder sie müssen ihren Beruf aufgeben.

Trotz der sich immer mehr zuspitzenden Situation der Hebammen und Entbindungspfleger_innen in den letzten Jahren hat sich noch nichts getan. Wir fordern ein sofortiges Einschreiten des Bundesgesundheitsministers Gröhe! Der Berufsstand soll gesichert, gute Arbeitsbedingungen für Hebammen und Entbindungspfleger_innen im Krankenhaus und in der Freiberuflichkeit sichergestellt werden und eindeutige, langfristige Regelungen zur Haftpflichtproblematik müssen verabschiedet werden.

Wichtig ist nun eine schnelle Lösung. Eine Möglichkeit wäre die Deckelung der maximalen Schadenssumme im Versicherungsfall. Darüber hinaus zu leistende Zahlungen müssten dann aus einem Haftungsfond beglichen werden. Dann müsste nicht nur die verhältnismäßig kleine Gruppe der freiberuflichen Hebammen und Entbindungshelfer_innen für die Schadenssummen aufkommen, sondern die Gemeinschaft wäre an den Kosten indirekt beteiligt und die notwendige und grundlegende Arbeit der Hebammen und Entbindungshelfer_innen wäre gesichert. Langfristig brauchen wir allerdings eine Neuordnung der Berufshaftpflicht für alle Gesundheitsberufe.

Recht auf freie Wahl der Geburt muss gesichert werden!

Es geht nicht nur um den Berufsstand der Hebammen und Entbindungspfleger_innen, sondern um Selbstbestimmungsrechte gebärender Menschen! Die Frage wie und wo eine schwangere Person gebären kann, ist dabei essentiell. Hebammen und Entbindungspfleger_innen leisten einen großen Beitrag zur freien Wahl des Geburtsortes. Sie ermöglichen Hausgeburten oder Geburten in Geburtshäusern und können auch auf individuelle Wünsche Rücksicht nehmen.Sie können Ängste nehmen und ermöglichen Geburten in einer geborgenen Atmosphäre.

Für eine selbstbestimmte Geburt

Nicht nur beim "wo" der Geburt, sondern auch beim "wie" muss die Selbstbestimmung der gebärenden Personen gewährleistet sein. Nicht alle schwangeren Personen möchten in einer Klinik gebären, weil sie z.B. befürchten über Ablauf und Eingriffe während der Geburt nicht angemessen mitbestimmen können. Wenn Frauen die vertraute Umgebung im eigenen Zuhause oder im Geburtshaus vorziehen, brauchen sie die Möglichkeit. Aufgrund der fehlenden alternativen Versorgung mit Geburtshilfe in vielen Regionen findet jedoch eine zunehmende Anzahl an Geburten in Kliniken statt. Für eine echte Wahlfreiheit brauchen wir ausreichend Alternativen in der Fläche, dies muss wieder selbstverständlich werden.

Darüber hinaus muss das Thema flächendeckende Hebammenversorgung wieder auf die Agenda, da es in einigen Regionen akute Versorgungsengpässe gibt.

Die GRÜNE JUGEND solidarisiert sich deshalb mit den Aktionen und Forderungen der Hebammenverbände und allen Hebammen und Entbindungspfleger_innen. Wir fordern eine selbstbestimmte Geburt und einen Fortbestand des Berufsstands der Hebammen und Entbindungspfleger_innen!