Arbeit anders machen – Selbstbestimmung statt Lohnarbeitszwang!

Die Digitalisierung schreitet rasant voran, verändert schon jetzt all unsere Lebensbereiche und wird in den nächsten Jahren zu immer größeren Umbrüchen insbesondere in der Arbeitswelt führen. Immer wieder wird sie als Revolution der Arbeitsverhältnisse bezeichnet. Revolution setzt jedoch einen radikalen Bruch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen voraus. Doch auch wenn grundlegende Veränderungen der Arbeitswelt gewiss und auch jetzt schon erlebbar sind, führt die Digitalisierung nicht automatisch zur Überwindung von bestehenden Problemen und verbessert nicht automatisch die Lebenssituation von Menschen, die auf Lohnarbeit angewiesen sind. Ganz im Gegenteil gibt es die Gefahr, dass sie bestehende Ungerechtigkeiten, Abhängigkeiten und Machtkonzentrationen noch verstärkt und zu einem immer größeren Zwang zur Selbstoptimierung und einer immer größeren Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit führt. In der Geschichte wurden wirtschaftliche Rationalisierungs- und Automatisierungsprozesse meist nicht zur Entlastung von Arbeitnehmer*innen genutzt, sondern führten oft zu noch mehr Leistungsdruck und härteren Arbeitsbedingungen. Das muss und kann mit der Digitalisierung anders laufen. Denn sie birgt auch das Potenzial, die Selbstbestimmung und Rechte von Arbeitnehmer*innen zu stärken und langfristig eine Gesellschaft zu ermöglichen, in der jeder Mensch frei über seine Zeit verfügen kann und die notwendige Arbeit und der gesellschaftliche Reichtum gerecht verteilt sind.

Modernisierung der Arbeitswelt politisch gestalten
Welches dieser Szenarien eintritt, hängt davon ab, ob und wie die Digitalisierung politisch gestaltet wird. Wir wollen uns weder einem blinden Technikglauben noch einer rückwärtsgewandten Technikfeindlichkeit hingeben, sondern die Chancen der Digitalisierung im Wissen ihrer Risiken nutzen. Denn die Entwicklung der technischen Möglichkeiten ist für uns kein Selbstzweck, sondern ein Mittel für politischen Fortschritt und ein Mehr an Gerechtigkeit und Freiheit. Dafür müssen wir begeisternde Visionen schaffen, die aufzeigen, wie wir Arbeit in einer digitalisierten Welt denken können und wie die Digitalisierung zur größeren Freiheit des Individuums beitragen kann. Für uns ist klar, dass das nur gelingen kann, wenn sich die Produktion in Zukunft an den Bedürfnissen von Menschen und nicht an Profiten orientiert. Das bedeutet auch, dass wir mit den neoliberalen Glaubenssätzen von Privatisierung, Vermarktlichung und Deregulierung brechen müssen. Nur durch einen echten politischen Gestaltungswillen, klare Regulierungen, Lust an der Veränderung und einer Überwindung der reinen Verwertungslogik kann die Digitalisierung im Sinne der Selbstbestimmung und Gerechtigkeit umgesetzt werden. Die technischen Möglichkeiten für eine Gesellschaft ohne Armut und Zwang zur Lohnarbeit sind immer mehr gegeben – lasst sie uns gemeinsam nutzen!
Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der Menschen nicht auf Lohnarbeit angewiesen sind, um ihre Existenz zu sichern. Die Digitalisierung kann langfristig dazu führen, dass das Maß an Arbeit, das von Menschen getätigt werden muss, abnimmt. Das ist für uns nichts Negatives, sondern kann in Verbindung mit einem funktionierenden System der sozialen Sicherung und einer gerechten gesellschaftlichen Verteilung von Arbeit zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung beitragen. Es wäre jedoch zu kurz gedacht, drohende Arbeitsplatzverluste im Hier und Jetzt deshalb schön zu reden, da diese mit der Gefahr von Armut und gesellschaftlicher Ausgrenzung verbunden sind. Die genannten Verbesserrung treten nur dann ein, wenn die Digitalisierung von einer emanzipatorischen Sozial- und Arbeitspolitik begleitet und gestaltet wird, weshalb wir in diesem Antrag einen Schwerpunkt auf diese Themenfelder legen. Wir wollen Perspektiven für Menschen, deren Arbeitsplatz durch die Digitalisierung bedroht ist und den Einsatz für Arbeitnehmer*innenrechte mit der langfristigen Vision einer Gesellschaft, in der Menschen selbst über ihre Zeit und Arbeitskraft verfügen können, zusammen denken.

Auf dem Weg in eine Gesellschaft, die den digitalen Wandel dazu genutzt hat, den Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, wollen wir:

1. Arbeit und Wohlstand gerecht verteilen!
Die Digitalisierung der Arbeitswelt soll und muss zur Reduzierung der durch Menschen geleisteten Arbeit führen. Arbeit, die von Maschinen übernommen werden kann und deren Übertragung an Maschinen ethischer Konsens ist, sollte Maschinen überlassen werden, um dadurch wieder mehr Freiräume für das Leben der Menschen zu schaffen. Wir begegnen dem digitalen Wandel nicht mit dem Schüren von Ängsten vor Arbeitsplatzverlust, sondern mit Vorfreude auf weniger Arbeit, die wir auf mehr Schultern verteilen. Wir wollen nicht verhindern, dass den Menschen Arbeit abgenommen werden kann. Doch wir wollen, dass aus weniger benötigter Arbeit weniger Arbeit für alle wird und, dass es bei dieser Entwicklung gerecht zugeht. Die GRÜNE JUGEND fordert für alle Arbeitnehmer*innen die 28-Stunden Woche als neue Vollzeit mit der Perspektive auf weitere Verkürzungen und perspektivisch die Möglichkeit für alle Arbeitnehmer*innen, ihre Arbeitszeit flexibel mit den Arbeitgeber*innen zu vereinbaren und weiter abzusenken, ohne das Rückkehrrecht auf Vollzeit zu beschneiden.
Arbeit bedeutet heute für den Großteil der Menschen – auch im Gegensatz zu den Sozialsystemen – finanzielle und soziale Absicherung und die muss unter allen Umständen gewahrt bleiben. Als einen Schritt dorthin betrachten wir die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, welches die Menschen zunächst vor Existenzsorgen schützen soll.

Das Weniger an Arbeit und ihre grundlegende Veränderung wird sich insbesondere in der Industrie abspielen. Es wird weiterhin ein produzierendes Gewerbe brauchen: Denn eine gute Infrastruktur baut sich nicht von alleine. Wir wollen eine Industrie, die ökologisch und nachhaltig produziert, um gesamtgesellschaftlichen Wohlstand zu schaffen und die sich nach den Bedürfnissen der Menschen und nicht des Marktes richtet. Wir erkennen an, dass die Menschen, die beispielsweise in den Thyssen-Krupp Stahlwerken im Ruhrgebiet arbeiten und um ihre Jobs bangen, berechtigte Sorgen um die eigene Zukunft und Lebensgrundlage haben. Durch globale Zusammenhänge wird diese existenzielle Bedrohung vielerorts noch verstärkt.
Deshalb braucht es insbesondere für den Übergangszeitraum nach der Veränderung von individuellen Fabriken & Co auf der einen Seite und der generellen Produktion auf der anderen Seite, staatliche Regulierung und Unterstützung. Ein Förderfonds kann dabei helfen, Industriearbeitsplätze, wenn dringend notwendig, für einen stark begrenzten Zeitraum aufrechtzuerhalten. Eingebettet in eine Europäische Industriestrategie muss der Strukturwandel so aktiv gestaltet werden.

Darüber hinaus müssen wir aber verhindern, dass Arbeitgeber*innen sich mithilfe der Maschinisierung aus der Verantwortung ziehen. Je geringer der Faktor menschliche Arbeitskraft in der Wertschöpfung wird, desto mehr Macht und Wohlstand konzentriert sich bei den Eigentümer*innen der Maschinen, die mehr profitieren, ohne weiterhin für Menschen und ihr Wohlergehen Verantwortung tragen zu müssen. Dem wollen wir beispielsweise mit einer Roboter-Steuer entgegenwirken, die der Höhe der wegfallenden Sozialabgaben durch neuangeschaffte Maschinen entspricht. So kann ein Mindestbeitrag zum gesamtgesellschaftlichen Wohlstand garantiert werden. Doch klar ist, dass die Roboter-Steuer nur einer von vielen Beiträgen zu einer gerechten Umverteilung sein kann. Wir knüpfen an unsere bisherigen Beschlüsse an und machen uns weiter für eine solidarische Besteuerung von Vermögen und Gewinnen stark!

2. Arbeit gerecht gestalten!
Immer mehr Menschen bearbeiten nach Feierabend noch schnell ein paar Mails oder klären Berufliches zwischendurch in der WhatsApp-Gruppe. Gerade in StartUps und Unternehmen, die sich schnell den gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen (wollen), gewinnen Teamgefühl, gute technische Ausstattung und der Kicker im Pausenraum an Bedeutung.
Doch der Druck zur Produktivitätssteigerung ist auch dort vorhanden, wo der Arbeitsplatz als neuer Lebensmittelpunkt gefeiert und gestaltet wird. Diese Strategie nutzt die emotionale Bindung an Team und Arbeitsstelle aus, um extrem niedrige Bezahlung und abstruse Arbeitszeiten zu rechtfertigen.
Seit die Notwendigkeit zur Anwesenheit in vielen Arbeitsbereichen nicht mehr gegeben ist, erleben wir die Ambivalenz der damit einhergehenden Flexibilisierung. Einerseits findet eine immer größer werdende Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit statt, andererseits bietet sie die Chance selbstbestimmter zu arbeiten und Arbeit neu zu strukturieren.
Diese Chance sollten wir nutzen und gleichzeitig verhindern, dass Arbeitnehmende dem Druck ausgesetzt sind, ständig erreichbar und immer im Leistungsmodus sein zu müssen.
Deshalb wollen wir, dass Arbeitnehmende ihre Arbeitszeit, dort wo möglich, nach dem Gleitzeitmodell frei einteilen können, aber dass auch hier eine strikte Zeitgrenze von 8-20 Uhr gewahrt wird. Auch das Home Office, das in den letzten Jahren immer beliebter wurde, kann zu einem Mehr an Selbstbestimmung führen. Doch wir müssen dafür sorgen, dass Pausenzeiten und Stundenzahlen auch im HomeOffice eingehalten werden, um Ausbeutung zu verhindern.

Mehr Frei(zeit)!
Wir finden: Arbeit ist fürs Leben da, nicht das Leben für die Arbeit. Deshalb wollen wir mehr Freiräume für Arbeitnehmer*innen schaffen, auch über die Absenkung der Wochenarbeitszeit hinaus: die gesetzliche Mindesturlaubszeit soll auf mindestens 7 Wochen erhöht werden. Außerdem sollen Arbeitnehmer*innen das Recht auf Auszeiten haben: wir wollen ermöglich, dass Arbeitgeber*innen mindestens ein Sabbatical pro 10 Jahre Erwerbsarbeit gewähren müssen. Arbeitnehmende können so ohne Angst vor Jobverlust & Existenzangst eine Auszeit von ihrer beruflichen Tätigkeit nehmen.

Guter Lohn für alle!
Insbesondere solange Lohnarbeit etwas ist, von dem ein Großteil der Menschen abhängig ist, muss diese gut entlohnt werden – gerade, wenn wir die Chancen der Digitalisierung nutzen und Arbeit reduzieren wollen. Arbeit ist für Arbeitnehmer*innen kein Selbstzweck, sondern dient ihnen in erster Linie zur Finanzierung ihres Überlebens und des eigenen Lebensstandards. Die Löhne in Deutschland sind im europäischen Vergleich Schlusslicht. Mehr und mehr Menschen können nicht länger von ihrem Gehalt leben, während gleichzeitig Bonis von Managern & Co immer weiter steigen. Und zu viele Unternehmen nutzen den Luxus, ihren Mitarbeiter*innen so wenig Lohn zu zahlen, dass die Solidargemeinschaft eingreifen und Gehälter aufstocken muss, um Menschen ein menschenwürdiges Leben für sich und ihre Framilie zu ermöglichen.
Für uns als GRÜNE JUGEND ist deshalb klar, dass gut bezahlte und unbefristete Arbeit wieder zum Standard werden muss. Alle Ausnahmen vom Mindestlohn sollen ersatzlos gestrichen werden, der Mindestlohn selbst kontinuierlich erhöht werden. Wir setzen uns für eine Anhebung des Mindestlohns auf 15€ pro Stunde ein – bei gleichzeitiger Festsetzung einer Lohnobergrenze, die sich an dem Gehalt derer im Unternehmen orientiert, die am wenigsten verdienen. Die Lohnobergrenze wollen wir auf das zehnfache des niedrigsten Lohnes festsetzen. Langfristig denken wir über die Entkoppelung des Lohns von der geleisteten und der festgeschriebenen Stundenzahl nach. Entlohnung auf Verhandlungs- und Vertrauensbasis kann ein Schritt hin zu einem fairen und solidarischen Miteinander sein, uns ist jedoch bewusst, dass sie im Rahmen der bestehenden Verhältnisse zu einer Aushöhlung von Arbeitnehmer*innenrechten führen würde.

Selbstständige unterstützen!
Bei alledem müssen wir auch diejenigen im Blick behalten, die in keinem Arbeitnehmendenverhältnis sind und als (Solo-)Selbstständige, Freelancer, Cloud- oder Clickworker ihr Geld verdienen. Die Zahl der Selbstständigen steigt und wird es in den kommenden Jahren wahrscheinlich weiter tun. Selbstständige sind oft unterschiedlichen gesetzlichen Regularien ausgesetzt, die nicht nur verwirren, sonder auch allesamt keinen Schutz vor Ausbeutung garantieren. Wir wollen deshalb in jeder Kommune ein Zentrum als Beratungsstelle für Selbstständige aufbauen, das dabei hilft Ausbeutung und Leistungsdruck zu bekämpfen. Langfristig wollen wir einen gesetzlichen Schutz für Selbstständige schaffen, indem auch ihr Recht auf Freizeit festgeschrieben wird. Gegen Scheinselbstständigkeit wollen wir konsequent vorgehen und hier vor allem die Unternehmen statt den ihrerseits abhängigen (Schein-)Selbstständigen in die Pflicht nehmen.

Datenschutz und Privatssphäre schützen!
Neue technologische Möglichkeiten bergen auch eine Gefahr für die Privatsphäre der Arbeitnehmenden: Von wann bis wann der Rechner genutzt wurde, welche Rufnummern angerufen wurden und welche Websites besucht wurden, lässt sich in Zukunft leichter erfassen als bisher. Wir wollen die Privatsphäre der Arbeitnehmenden absichern und fordern daher die Pflicht für die berufliche Tätigkeit eigene technische Geräte zur Verfügung zu stellen. Denn der Trend zum HomeOffice darf nicht dazu führen, dass die privaten Geräte der Arbeitnehmenden mit den privatesten Daten in das Berufsleben eingebunden werden. Darüberhinaus wollen wir das Recht auf Privatsphäre am Arbeitsplatz – egal ob im Büro oder HomeOffice – festschreiben. Softwares, die die Arbeitstätigkeit der Mitarbeitenden erfassen und Überwachungstechnologien wollen wir hingegen verbieten.

3. Digitalisierung zur Revolution der Geschlechterverhältnisse nutzen?!
Als feministischer Verband denken wir den Kampf für Gleichberechtigung in all unserem politischen Handeln mit. Unser Ziel ist es deshalb, die Digitalisierung der Arbeitswelt so zu gestalten, dass sie zu einer Überwindung von ungleichen Geschlechterverhältnissen beiträgt. Häufig wird behauptet, dass eine Flexibilisierung der Arbeit automatisch die Besserstellung von Frauen mit sich bringt, da sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärkt. Das ist jedoch keine Selbstverständlichkeit, in vielen Fällen führt genau diese Flexibilisierung zu einer Mehrbelastung von Frauen, die sich weiterhin um die häusliche Care-Arbeit kümmern müssen und sich gleichzeitig immer weniger gegenüber ihrem Beruf abgrenzen können. Hinzu kommt, dass die zunehmende Entgrenzung und Verschmelzung von Arbeitskraft und Privatperson zu einer hohen Belastung in Berufen führt, die traditionell von Frauen ausgeübt werden. So sind zum Beispiel die Depressionsraten in Service- und Sozialberufen besonders hoch.
Unser Ziel kann es insgesamt nicht sein, dass Frauen Beruf und Familie ein bisschen besser unter einen Hut bekommen und der Großteil der Care- und Reproduktionsarbeit weiter an ihnen hängen bleibt. Stattdessen müssen wir die Digitalisierung der Arbeitswelt so nutzen, dass sie zum Beispiel durch eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung eine wirklich partnerschaftliche Aufteilung von Care-Arbeit ermöglicht. Das kann nur gelingen, wenn wir die Digitalisierung mit unseren sonstigen feministischen Forderungen, arbeitsmarktpolitisch und darüber hinaus, zusammen denken.

Weiterhin setzt eine feministische Gestaltung der Arbeitswelt der Zukunft grundlegende Veränderungen im Bereich der Care-Berufe voraus. Die Digitalisierung führt dazu, dass viele Tätigkeiten, die bisher von Menschen ausgeübt werden, in Zukunft von Maschinen übernommen werden können. Es gibt jedoch auch Bereiche, bei denen wir es wichtig finden, dass sie auch in Zukunft von Menschen ausgeübt werden. Das heißt nicht, dass nicht auch in diesen Bereichen die Digitalisierung zur Erleichterung der Arbeit und Verbesserung der Arbeitsverhältnisse genutzt werden soll. Es gibt jedoch Kernbereiche, insbesondere im Spektrum der Care-Berufe, die zwischenmenschliche Beziehung und Empathie voraussetzen und das auch in Zukunft sollen. Im Moment werden diese Tätigkeiten zum großen Teil von Frauen ausgeübt. Damit die Digitalisierung der Arbeitsverhältnisse nicht zu einer Schlechterstellung von Frauen führt, müssen also Berufe, die in diese Kategorie fallen und die auch in Zukunft von Menschen ausgeübt werden sollen, aufgewertet, im Sinne einer fairen Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen, werden.

4. Arbeit demokratisieren
Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der die Entscheidungen über Herstellung und Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands demokratisch getroffen werden. Deshalb streben wir nach einer Wirtschaftsdemokratie, also die demokratische Organisaton von Wirtschaft. Leider sind wir von diesem Ziel im Moment weit entfernt: durch Deregulierung, Flexibilisierung und Vereinzelung in neoliberalen Zeiten haben Gewerkschaften, als Formen der kollektiven Interessensvertretung, an Bedeutung und Macht verloren. Doch wir sind davon überzeugt, dass in der Digitalisierung auch Chancen für ein Mehr an betrieblicher Mitbestimmung liegen. Durch neue Formen der Kommunikation und neue Konzepte der Zusammenarbeit und Entscheidungsfindung, können Hierarchien abgebaut und eine stärkere Beteiligung von Arbeitnehmer*innen sicher gestellt werden. Diese Nutzung von Digitalisierungsschüben im Sinne einer Demokratisierung der Wirtschaft, setzt jedoch voraus, dass politische Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Das bedeutet zunächst, dass wir uns nicht mit Scheinbeteiligung zufrieden geben dürfen. In immer mehr Unternehmen wird durch freundschaftlichen Umgang, eine stärkere Feedbackkultur, der zunsahmenden Identifikation mit dem Betrieb und einer Vermischung von Berufs- und Privatleben der Eindruck von hierarchiefreier Mitbestimmung erweckt. Dabei handelt es sich jedoch zumeist um einen Trugschluss, da die ökonomische Macht, sowohl im Sinne des Eigentums an Produktionsmitteln als auch der tatsächlichen Entscheidungsbefugnis, nach wie vor bei den Arbeitgeber*innen liegt. Für eine tatsächliche Wirtschaftsdemokratie gilt es deshalb, die Machtfrage zu stellen. Das bedeutet zum einen, dass wir eine gemeinschaftlich organisierte Wirtschaft brauchen, in der Entscheidungsbefugnisse, Produktionsmittel und damit Macht gerecht verteillt sind. Außerdem sehen wir folgende mittelfristige Schritte als notwendig:

Erstens müssen die Rechte von Gremien der kollektiven Mitbestimmung, also insbesondere von Betriebsräten gestärkt werden. In den letzten Jahren konnten wir sehen, wie immer wieder das Prinzip der individuellen Partizipation dem der kollektiven Mibestimmung vorgezogen wurde. Dieser Trend führt jedoch im Endeffekt zu einer enormen Schwächung der Position von Arbeitnehmer*innen, gerade wenn es um hard facts wie Lohnverhandlungen geht. Wir setzen uns dafür ein, dass Betriebsräte gerade in den Bereichen, in denen die Digitalisierung sich am deutlichsten abzeichnet, ein Mitspracherecht bekommen. So fordern wir eine Reform des Betriebsverfassungsgesetzes, die Betriebsräten ein Mitentscheidungsrecht bei allen Fragen rund um Home Office und Arbeitszeitvereinbarungen gibt. Außerdem setzt eine wirkliche Demokratisierung von Unternehmen voraus, dass Betriebsräte nicht nur bei sozialen oder arbeitsrechtlichen, sondern auch unternehmerischen Fragen mitentscheiden können. Wir wollen, dass auch Menschen, die sich gerade im Bereich der Scheinselbstständigkeit befinden, die Möglichkeit einer kollektiven Vertretung und Teil eines Mitbestimmungsprozesses werden. Dafür brauchen wir einen neuen Begriff von Betrieben, der auch diese Formen der Beschäftigung erfasst und die Organisierung ermöglicht.

Zweitens wollen wir die gesellschaftliche Rolle von Gewerkschaften stärken. Unser Demokratiebegriff geht über die rein politische Sphäre hinaus, sondern umfasst die gesamte Gesellschaft und damit insbesondere auch Wirtschaft und Arbeitsleben. Den Gewerkschaften kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Sie können ein wichtiger Gegenpol zur zunehmenden Demokratieverdrossenheit sein, sofern sie konsequent die Interessen von Arbeitnehmer*innen vertreten und gleichzeitig ein politisches Mandat einnehmen und an Prozessen der gesellschaftlichen Willensbildung teilnehmen. Deshalb setzen wir uns für die Einführung des politischen Streikrechts ein. Die Arbeit von Gewerkschaften wird durch die zunehmende Entkopplung von Arbeit von einem bestimmten Ort erschwert, da Massenbetriebe zunehmend ihre Bedeutung als Ort der politischen Mobilisierung verlieren. Umso wichtiger ist es, dass Gewerkschaften die neuen Kommunikationsmöglichkeiten nutzen, um möglichst viele Mitglieder zu erreichen und einzubinden.

Für uns ist klar, dass sich unser Kampf für eine Demokratisierung der Wirtschaft nicht auf den nationalen Rahmen beschränken darf, sondern global gedacht werden muss. Wir wollen Mitbestimmung überall ermöglichen. Ein erster Schritt dafür ist die Einführung einer verpflichtenden und tatsächlichen betrieblichen Mitbestimmung für alle Gesellschaftsformen des EU-Rechts. So wollen wir etwa die Montanmitbestimmung europaweit garantieren.

5. Digitales in die Bildung – Gerechtigkeit von Anfang an mitdenken!
Als GRÜNE JUGEND sehen wir Bildung als Weg zur kritischen Bewusstseinsausbildung und Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung – nicht als ersten Schritt in die Zwänge von Verwertungslogik & Co. Der Zweck und Auftrag von Schule und anderen Bildungseinrichtungen darf deshalb nicht die reine Vorbereitung auf das Arbeitsleben sein. Doch die Realität sieht anders aus: insbesondere Kinder und Jugendliche aus armen Familien sind darauf angewiesen in der Schule digitale Möglichkeiten kennenzulernen und zu lernen mit ihnen umzugehen und zu arbeiten – auch und gerade wenn zuhause kein Tablet oder die neusten Gadgets zur Verfügung stehen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass bereits bestehende Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die mit und im Bildungssystem zementiert werden, noch gravierendere Auswirkungen auf die Zukunft dieser Menschen hat. Deshalb fordern wir als GRÜNE JUGEND den digitalen Wandel in den Schulen beginnen zu lassen. Dieser bestimmt heute den Alltag der meisten Schüler*innen, Auszubildenden und Studierenden, den Schulalltag meist jedoch nur mäßig bis gar nicht. Die Realität, dass 9 von 10 Schüler*innen ein Smartphone in der Tasche haben, einfach durch ein Anschalt-Verbot totzuschweigen, wird unserem Anspruch auf zeitgemäße Schulbildung nicht gerecht.
Wir wollen digitale Bildung als ganzheitliche Bildungsaufgabe in den Lehrplänen verankern. Digitalunterricht stellen wir uns nicht als weitere Unterrichtsstunde vor, die im Rahmen des Informatikunterrichts nebenbei mitgemacht wird. Er muss allumfassend sein und auch die bisherigen Bildungsinhalte hinterfragen. Digitale Medien sind nicht nur Beschäftigunsmöglichkeit, sondern auch Wissensspeicher. Diesen erfolgreich zu nutzen anstatt das Auswendiglern-Bildungsystem unreflektiert fortzusetzen, ist nur ein Aspekt von vielen.
Für Lehrkräfte braucht es umfassende Fortbildungen. Denn welche Lehrkraft soll Schüler*innen beispielsweise im Bereich des Datenschutzes bilden, wenn es dieser meist nicht einmal gelingt, den Beamer einzuschalten. Das Bildungssystem ist gerade in Bezug auf den digitalen Wandel absolut defizitär und muss grundlegend erneuert werden. Dafür bedarf es auch einer entsprechenden finanziellen Ausstattung. Die GRÜNE JUGEND fordert die Aufhebung des Kooperationsverbotes als Chance zu nutzen, um die Schulen mit fortgebildeten Lehrkräften, aber auch hochwertiger Hardware und Hochleistungsanschlüssen zum Internet auszustatten.

Digitale Bildung soll jedoch auch nicht nach dem Schulabschluss enden, sondern einen lebenslangen Prozess darstellen, da die Menschen mit dem Fortschreiten des digitalen Wandels auch immer die Befähigung erhalten müssen, die neu entstehenden Chancen und Risiken als solche auszumachen und zu nutzen.Bezahlter Bildungsurlaub für Aus- und Weiterbildung für alle Menschen egal welchen Alters bleibt daher Grundforderung der GRÜNEN JUGEND. Der digitale Wandel kann nur gesamtgesellschaftlich zum Erfolg werden.